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202 Dieurbanen„Busentempel“alsMöglichkeitsräume
LautBenjaminsei„Ähnlichkeit […]eine ‚FigurdesKontinuierlichen‘,Über-
gänglichen. Siebedarf zwarderMarkierungvonDifferenzen, stellt abernie
einenBruchoderGegensatzdar“.84DieseProduktivität,dieeinemDenkenin
DifferenzenÄhnlichkeit addiert, unddaran interessiert ist,warumundwie
ÄhnlichkeitenundDifferenzenimAlltagaufgebautwerden,griffenpostmo-
derneAnsätze auf.Anil Bhatti undDorotheeKimmichhebenhervor, dass
dasProduzieren vonÄhnlichkeit Teil einer bewussten Inszenierungwie in
derpopulärenKulturseinkann.Das ist fürdiepopulärkulturellePraxiseine
wichtigePrämisse,dennsie legtdieFragenahe,obPopulärkultur–alsmas-
sengesellschaftlichesPhänomen–nichtüberhaupterstpopulärwar,weil sie
auchÄhnlichkeiten indenvermeintlichsoevidentdargestelltenDifferenzen
erkennbarmachte.
DiestarkePräsenzvonDifferenz inNarrativen istnichtzuletzt indenFor-
schungsinteressenbegründet. Inden letztenJahrzehntenkamAuseinander-
setzungenmit „Identität(en)“ besondereAufmerksamkeit zu.Dabei rückte
„Alterität“ (das„Andere“)alswesentliche–dawahrscheinlicheinzigeKompo-
nente–vonIdentitätskonstruktionenindenMittelpunktvonFragestellungen.85
Sohat sich„Differenz“zueinerweitverbreitetenAnalysekategorieentwickelt,
dieallerdingsunweigerlichGrenzenschafftundDichotomienerzeugt.86Seit
den2010er JahrenhatdieForschungzuhinterfragenbegonnen,obnichtauch
indenDifferenzkonstruktionenÄhnlichkeitswahrnehmungenentscheidender
seienalsdieDifferenzierung.Diesemüsseunweigerlich inRelationzuetwas
Bekanntemgesetztwerden.BeeinflussenVorstellungüberundImagination
des ‚Anderen‘ alsdas ‚Eigene‘ ähnlichseiendeKategorisierungenstärkerals
dasalsunbekanntWahrgenommene?DieForschungumBhattiundKimmich
argumentiert,dassdieImaginationdes ‚Anderen‘aufeinerbekanntenReferenz
–aufetwas,wozuÄhnlichkeithergestelltwerdenkönne–aufbaut.Ähnlichkeit,
sodasArgument, istderReferenzrahmen,derverwendetwird,umjeneDif-
ferenzanzugeben, inderdas ‚Andere‘vom‚Eigenen‘abweiche.87Differenzen
bestehen folglichundwerdenauchnichtnegiert. Sie sindabergraduellund
stetsvonmehroderwenigerÄhnlichkeitenbegleitet.KlausHödlkonstatierte,
dass„ÄhnlichkeitzwischenMenschenoderKollektivenbedeutet,dasseswe-
84 Bhatti,Kimmich,Einleitung,14.
85 DorisBachmann-Medick,CulturalTurns,184–185,206–207.
86 IndenJüdischenStudienderAnsatz JewishDifference. SieheFußnote77.
87 Bhatti,Kimmich,Einleitung,15–17.SabineMüller,Tractatus, „Schmäh“undSprachkritik:
ÜberlegungenzueineralternativenGenealogiederWienerModerne, in:AndrásF.Balogh,
ChristophLeitgeb(Hg.),Mehrsprachigkeit inZentraleuropa(Wien:Praesens,2012),229–254,
237–242.
© 2021 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien
https://doi.org/10.7767/9783205211884 | CC BY 4.0
Auf die Tour!
Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
Zwischen Habsburgermonarchie und Amerika
- Titel
- Auf die Tour!
- Untertitel
- Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
- Autor
- Susanne Korbel
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21188-4
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 272
- Kategorie
- Kunst und Kultur