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204 Dieurbanen„Busentempel“alsMöglichkeitsräume
alsdifferentwahrgenommeneIdentifikationauchalseigeneunddamitdem
Publikumvertrautevor,wodurcheineAbgrenzungzumdargestellten‚Anderen‘
schwierig,paradoxbisunmöglichwird. IndenpopulärenStückenderJahrhun-
dertwendespieltenjüdischeundnichtjüdischeAutor*innengleichermaßenmit
IdiomatikundThemen,dieverschiedenenIdentifikationenzugeordnetwaren.
DieFunktionvonTheater,demPublikumeinenSpiegelvorzuhalten,wurde
dabeigenutzt,umdiesevielenFacetten,diehinterDifferenzwahrnehmungen
stehen,erkennbarzumachen.Fürden jüdischenHumor inderpopulärenKul-
turschlage ichdahervor,daskomplexeZusammenspielvonantisemitischen
StereotypenundAushandlungeneines Jüdisch-Seingenauerzubetrachten.93
AufführungensindetwasPerformatives;Differenz-undÄhnlichkeitswahr-
nehmungenzugenerieren,ebenso.Bedeutungenentstehen imZusammenspiel
vonPublikum,Schauspieler*innen,allenanderenObjektenunddemRaum.
Bedeutungsaushandlungenvollziehensich immerwiederneu.Undso istLust
anAufführungenephemer,weilÄhnlichkeitzuerkennenandieFlüchtigkeit
derSituationengebundenist;Ähnlichkeitmuss immerwiederneugeneriert
werden.DieKulturwissenschafterinAleidaAssmannsprichtdementsprechend
vonder„PerformanzderÄhnlichkeit“.Assmannmeintdamit,dasssichDif-
ferenzundÄhnlichkeit imgegenseitigenWechselspiel ergebenund„immer
wiederauf-bzw.abgebaut“werden. Inder InteraktionzwischenPublikumund
Schauspieler*innenkönnenFeindbildundÄhnlichkeitnahebeieinanderlie-
gen.94
Populärkultur setzt einebreiteBasis an Identifikationsmöglichkeitenvor-
aus.WennsichdasPublikumineinermaximalenDifferenz–ohne jeglichen
Bezugherstellenzukönnen–sähe,gäbeeskeineGrundlage fürAmüsement
undkeineBasis desVerstehens vonKomikoderdesPartizipierens amHu-
mor.Denneskäme,nachFreud,zukeinemLustgewinn.UnlustwäredieFolge
unddasDargebotenewürdenichtpopulär.Somit stellt sichdieFrage,welche
FunktionDifferenzmarkierungen,wieetwaderübertriebenen,vielfachanti-
semitischenZeichnungvonCharakteren indenpopulärenStücken zukam.
Zugespitzt formuliert:BauendieseDifferenzmarkierungenaufeiner„Ähnlich-
keitderDifferenz“auf?
DieMetapherdesReisensverwendendieStücke immer,umeinenAbstand
zwischendemProtagonistenoderderProtagonistin,durchdiedasPublikum
93 IchbeziehemichhieraufLisaSilverman,dieexplizitbetont,dassdie Interpretation jüdisch-
nichtjüdischerBeziehungenübereine teleologischeSichtaufAntisemitismushinausreichen
müsseundfragensollte,warumetwaantisemitischeEinstellungen in ihnenvorkommenund
welcheFunktiondiese sodannerfüllen.LisaSilverman,„BeyondAntisemitism:ACritical
ApproachtoGerman-JewishCulturalHistory“,Nexus:Essays inGermanJewishStudies1,
no.1(2011):27–45.
94 Assmann,ÄhnlichkeitalsPerformanz,167–168,171–173.
© 2021 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien
https://doi.org/10.7767/9783205211884 | CC BY 4.0
Auf die Tour!
Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
Zwischen Habsburgermonarchie und Amerika
- Titel
- Auf die Tour!
- Untertitel
- Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
- Autor
- Susanne Korbel
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21188-4
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 272
- Kategorie
- Kunst und Kultur