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Nachspiel–AmAmericanScenicRailwaydurchWien 237
UngemindertderTatsache,dassesberechtigteHinweiseaufFällegab,wo
Künstler*inneninvermeintlicheEngagementsgelocktwurden, sindderartige
VorwürfeauchausdemEinfluss,dendiepopuläreKulturum1900bekamund
denvorallempolitischeElitennichtgeradeschätzten,zuerklären.Beispiele,
wiedieReaktionenderVarietésundArtist*innenaufdieungarischeTheater-
ordnungvon1895 zeigendies.DieReform intendierte zwar einenationale
Homogenisierung,bewirkte jedochdasGegenteil:DieVolkssänger*innenaus
WienarbeitetennochstärkermitdenungarischsprachigenKünstler*innenaus
Budapestzusammen,dieProgrammeunddasPublikumwurdenimmerbunter.
Auchjemand,dernichtDeutsch, JiddischoderUngarischsprach,oderdiese
Kultur imAlltagablehnenwürde,konnteplötzlichTeil einermehrsprachigen
Aufführungwerden.
DiePopulärkulturerwiessichalseinBereicheinerbreitenTeilhabevonJüdin-
nenundJudenunddamitalseinwesentlicherBereich jüdisch-nichtjüdischer
Interaktion.DiePraxisderAneignungvonKünstlernamen,die(widerdieweit-
verbreiteteAnnahme)NichtjüdinnenundNichtjuden imgleichenAusmaß
pflegtenwie JüdinnenundJuden, ist einBeispiel,wosichdievermeintlichge-
fährlicheSeitederpopulärenKulturenthüllte.EsgingbeiderPraxisderWahl
vonKünstlernamennämlichnichtdarum,ein Jüdisch-Seinzuüberwinden,
sonderndarum,deninternationalenCharakterderpopulärenKulturzu leben.
Obwohl JüdinnenundJudendiePopulärkultur ingroßemAusmaßprägten,
fällteine–imVerhältniszudenanderenvehementantisemitischenzeitgenössi-
schenDiskursen–paradoxeUnterrepräsentanz imzeitgenössischenSprechen
über jüdischeAkteur*inneninderPopulärkulturauf.
DiepopuläreKultur standaber auchzwischenAlltagundvermeintlicher
IrrealitätdesAmüsements.DieEtablissementssindTeildesAlltäglichenund
eröffnenzugleichRäumedesAußergewöhnlichen.DieStückekonstituierten
sich ineinemDazwischenvonlebensweltlicherReferenzialitätunddenper-
formativenbzw.erzähltenRäumen,diesieermöglichten.SiekonntenInhalte
ansprechen,die indervermeintlich realenWeltnur schwer sagbargewesen
wären.DiepolitischenAkteureundandereOpponent*innenmodernistischer
Ansichtenerkannten jedoch,dassdiepopuläreKulturBrückenindieRealität
schlug.SiewusstenumihrsubversivesPotentialundbegegnetendiesemmit
VorbehaltundDenunziationen.
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„DemMuthigengehört dieWelt“,8wardasLebensmottoundderKünstler-
grundsatzvonJosefModel,derdieBudapesterOrpheumsgesellschaftinWien
mitdenStarsausBudapestgründete.Die inAufdieTourvorgestelltenProt-
agonist*innenwarenmutigundhabenbuchstäblichdieWeltmit ihrerKunst
8 DerHumorist,5.7.1889,5.
© 2021 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien
https://doi.org/10.7767/9783205211884 | CC BY 4.0
Auf die Tour!
Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
Zwischen Habsburgermonarchie und Amerika
- Titel
- Auf die Tour!
- Untertitel
- Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
- Autor
- Susanne Korbel
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21188-4
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 272
- Kategorie
- Kunst und Kultur