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23111.3
Autonomes Fahren und Einfluss auf die Stadtstruktur
siert. Eine Folge wäre die Entstehung von neuen Siedlungsgebieten vergleichsweise gerin-
ger Dichte und geringer Nutzungsmischung analog zur Suburbanisierung in der zweiten
Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Dort haben Motorisierung, Infrastruktur und die
planerisch-politischen Leitbilder der Nutzungstrennung und der aufgelockerten Stadt
sowie die Entscheidung von Haushalten für die Ansiedlung im Grünen eine bis heute
prägende Siedlungsstruktur geschaffen [24].
Generell ist bekannt, dass die Wohnstandortwahl von Berufstätigen durch Faktoren wie
Wohn- und Wohnumfeldqualität weitaus stärker beeinflusst wird als durch den Wunsch
nach Nähe zum Arbeitsplatz [25]. Erkennbar wird dies durch eine vergleichsweise hohe
Bedeutung des Arbeitspendelns. Etwa 60 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Be-
schäftigten in Deutschland, das sind rund 17 Millionen Personen, arbeiten nicht in der
Gemeinde, in der sie wohnen. Um zum Arbeitsort zu gelangen, benötigen Beschäftigte
durchschnittlich ca. eine halbe Stunde pro Weg. Dabei dominiert die Pkw-Nutzung, indem
etwa 66 Prozent der Wege mit dem Auto zurückgelegt werden [26], in den USA sind es
sogar 86 Prozent [27]. Auf Basis von Datensätzen zur Erwerbstätigkeit und Beschäftigung
sowie zu regionalen Berufsverflechtungen haben Guth et al. [25] herausgefunden, dass in
den Agglomerationsräumen in Deutschland der Anteil der gemeindeübergreifenden
Berufspendelwege und die zurückgelegten Distanzen in den letzten Jahrzehnten ange-
stiegen sind.
Autonomes Fahren könnte diesen Trend und die Bereitschaft zur Inkaufnahme längerer
Pendel-Arbeitswege weiter fördern. Zum einen wird angenommen, dass sich mit dem
autonomen Fahren eine Steigerung des Fahrkomforts verbindet (z. B. [14]). Die Fahrzeit
muss nicht mehr für die aufmerksame und verantwortungsvolle Fahrzeugführung auf-
gewendet werden, sondern kann anderen Aktivitäten dienen. Mobilität wird nicht notwen-
digerweise als Zwang oder Zeitverlust empfunden. Des Weiteren lassen sich Fahrzeiten
verkürzen. Im Zusammenhang mit dem autonomen Fahren bestehen hohe Erwartungen an
eine allgemein effizientere Abwicklung des fließenden und ruhenden Verkehrs [2, 22, 28].
Autonome Fahrzeuge können ihre Fahrweise miteinander harmonisieren, beispielsweise
bei Beschleunigungs- und Bremsvorgängen, und damit Wegezeiten reduzieren. Ebenso
werden nahezu keine Verzögerungen mehr an Kreuzungen vorausgesagt [14]. Auch beim
Parksuchverkehr werden deutliche Reduzierungen des Zeitbedarfs erwartet, bedingt durch
das Absetzen von Passagieren. Die Fahrt mit dem autonomen Fahrzeug kann insgesamt
prognostizierbarer und zeitlich verlässlicher geplant werden. Dies ergibt sich aus nahezu
konstanten Geschwindigkeiten und einer verlässlichen und vorhersagbare Route vom Aus-
gangspunkt zum Ziel.
Verbesserter Fahrkomfort, verringerte Wegezeiten und höhere Verlässlichkeit von
Reise
zeiten sind relevante Faktoren für die Abwägung von Haushalten, weiter entfernte
Arbeitsplätze oder sonstige Ziele wie Versorgungs- und Bildungseinrichtungen zugunsten
anderer Kriterien eines Wohnstandorts wie die Bezahlbarkeit des Wohnraums oder die
landschaftliche Attraktivität des Umfeldes. Besonders für Berufspendler dürfte sich mit der
Verfügbarkeit eines autonomen Fahrzeugs und der prognostizierten Effekte die Entschei-
dungsgrundlage verändern. Insbesondere Wegezeiten stellen eine hohe Zusatzbelastung für
Autonomes Fahren
Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte
Gefördert durch die Daimler und Benz Stiftung