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27113.2
Autobahnautomat und Vollautomat mit Verfügbarkeitsfahrer
kopplung kann die Drehbeschleunigung, die im Vestibularorgan sensiert wird, zu Unwohl-
sein führen, da sie im Gegensatz zur translatorischen Beschleunigung nicht kompensiert
werden kann, sofern die Fahrgastzelle nicht gegenüber der Fahrzeugrichtung drehbar ist.
Darüber hinaus ist die Neigungsverstellung nicht ohne Drehraten und -beschleunigungen
durchzuführen, wodurch die Neigedynamik stark herabgesetzt wird. So wäre bei einer
Wahrnehmungsgrenze für die Drehbeschleunigung (Rollen) von 4 °/s², wie sie aus Expe-
rimenten heraus bestimmt wurde [6, 7] , der Zielwinkel für die Beschleunigungskompen-
sation erst nach etwa 2,5 s erreicht. Dies kann bei einer sehr vorausschauenden autonomen
Fahrweise ohne externe Störgrößen, wie z. B. andere Fahrzeuge, auf die mit höheren
Beschleunigungsänderungen reagiert werden muss, in der Trajektorienplanung gerade
noch berücksichtigt werden. Die verwendete Wahrnehmungsgrenze ist das Ergebnis eines
Experiments und somit abhängig von dem zugrunde liegenden Testaufbau. Andere Expe-
rimente liefern abweichende Werte abhängig von dem entsprechenden Testaufbau, der
Drehachse sowie der Testperson (0,3–6 °/s²). Eine Zusammenstellung unterschiedlicher
Studien zu diesem Thema ist in [7, 9] zu finden.
Leichter erscheint es, die Beeinträchtigung durch vertikale Kräfte auszugleichen. In
Kombination mit der Frontumfeldsensorik sollte ein Sänftengefühl möglich werden, das
gegebenenfalls für sicherheitsrelevante Manöver abgeschaltet wird, um der Fahrdynamik
Priorität einzuräumen. Elektronisch gesteuerte Luftfederkonzepte mit Verstelldämpfern
oder vollaktive elektromechanische Feder-Dämpfereinheiten könnten die Basis für eine
solche Sänfte sein. Dabei sind zur Vermeidung von niederfrequenten Nickbewegungen,
ursächlich für die „Seekrankheit“, entsprechende Vorkehrungen in der Regelung zu
treffen.
13.2.4 Auswirkungen auf den Innenraum und die Mensch-Maschine-
Interaktion
Durch die Notwendigkeit des Verfügbarkeitsfahrers muss immer ein Fahrerarbeitsplatz zur
Verfügung stehen. Daher wird die Einrichtung des Innenraums davon geprägt sein, dass in
der vorderen Reihe ein instrumentierter Platz bereitsteht. Somit sind keine größeren Innen-
raumkonzeptveränderungen im Rahmen der hier betrachteten Use-Cases (Autobahnauto-
mat und Vollautomat) zu erwarten. Alternativ zur heute bekannten Fahrzeugsteuerung
durch den Menschen per Lenkrad und Pedale kann ein alternatives Steuerungskonzept
implementiert sein, das auf teilautomatisierte Grundfunktionalitäten aufsetzt, womit auch
andere, Platz sparende Bedienelemente verbunden sein können. Ansonsten findet sich bei
mehreren Konzeptfahrzeugbeispielen die Möglichkeit, die Bedienelemente, im Besonde-
ren das Lenkrad, an einen weniger störenden Platz zu bewegen, womit bei der autonomen
Fahrt der Raum vor dem Fahrer für das „Alternativprogramm“ zur Verfügung steht. Even-
tuell ist auch eine Art Verriegelung der Betätigungselemente notwendig, damit nicht aus
Versehen auf die Betätigungselemente zugegriffen wird und eine unbeabsichtigte Über-
nahme stattfindet.
Autonomes Fahren
Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte
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