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Sicherheitspotenzial automatisierter Fahrzeuge: Erkenntnisse aus der
Unfallforschung374
Die Aussagefähigkeit von Auswertungsmethoden kann stark variieren: Es macht
einen Unterschied, ob ein erfahrener Unfallrekonstrukteur oder -analytiker mit allen
Beteiligten sämtlicher Entwicklungsprozesse aktueller Systeme – in Absprache mit
Medizinern und Psychologen – eingebunden ist oder nicht. Auf der Basis dieser
vielschichtigen Hintergrundinformationen erhält er einen Gesamtüberblick über ein
komplexes Unfallereignis und kann genauer rekonstruieren bzw. analysieren als ein
Kollege ohne dieses Detailwissen.
Oft entstehen innerhalb einzelner und zwischen mehreren Potenzialbetrachtungen
viele Wirkfeldüberschneidungen, die das Gesamtwirkfeld reduzieren.
Für weiterführende Erkenntnisse sollten vertiefende Erhebungen schwerer Verkehrs-
unfälle (beispielsweise GIDAS) mit weltweit verfügbaren Verkehrsunfalldaten, Wetter-
daten und idealerweise mit Verkehrssimulationen (s. Kap. 15, 16) zusammengeführt
werden. Resultierende Ergebnisse dienen der Entwicklung, Auslegung und dem Test
sicherer automatisierter Fahrzeuge (s. Kap. 28).
Ab dem Grad der Hochautomatisierung entfällt – zumindest zeitweise – die Be-
herrschbarkeit durch die am Unfallgeschehen beteiligten Personen. Damit gewinnen
Maßnahmen zur Risikoreduktion für die Gewährleistung der funktionalen Sicherheit
bezüglich der elektrisch/elektronischen Komponenten an Relevanz.
Der Wirkgrad vollautomatischer Fahrzeuge lässt sich derzeit nicht genau quantifi-
zieren, da zahlreiche technische und marktspezifische Faktoren im Detail noch
unbekannt sind.
Anzunehmen ist, dass sich einzelne Unfallszenarien selbst durch Steigerung des
Automatisierungsgrades bis hin zur Vollautomatisierung trotz regelkonformer Fahrweise
nicht ausschließen lassen. Dies trifft beispielsweise bei fahrphysikalischen Grenzen oder
zeitkritischen Situationen zu, wie dem plötzlich vor das Fahrzeug laufenden Kind.
Das Sicherheitspotenzial vollautomatischer Fahrzeuge basiert letztlich auch auf der Annah-
me, dass über 90 Prozent heutiger Verkehrsunfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen
sind. Auch wenn die Technik fahrerloser Fahrzeuge niemals eine 100-prozentige Perfektion
erreichen wird und dadurch wenige neue bislang unbekannte Unfallkonstellationen entste-
hen können, scheint die Vision von flächendeckend fahrerlosen Fahrzeugen im Straßenver-
kehr einen gesellschaftlich erstrebenswerten Nutzen zu ver sprechen. Deshalb sind For-
schungsaktivitäten mit weltweit beteiligten interdisziplinären Experten, die das Thema der
Fahrzeugautomatisierung vorantreiben, zu stärken.
Literatur
1. Bengler K, Flemisch F (2011) Von H-Mode zur kooperativen Fahrzeugführung – Grundlegende
Ergonomische Fragestellungen, 5. Darmstädter Kolloquium: kooperativ oder autonom? Darmstadt
2. Bengler K, Dietmayer K, Färber B, Maurer M, Stiller C, Winner H (2014) Three Decades of
Driver Assistance Systems: Review and Future Perspectives, IEEE Intelligent Transportation
System Magazine, ISSN 1939-1390, Volume 6, Issue 4, S. 6–22
Autonomes Fahren
Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte
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