Seite - (000647) - in Autonomes Fahren - Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte
Bild der Seite - (000647) -
Text der Seite - (000647) -
Entwicklungs- und Freigabeprozess automatisierter
Fahrzeuge626
sondere auf Systemauslegungen zu, die eine Zusammenarbeit zwischen vielen spezialisier-
ten technischen Designgruppen erfordern. Beispiele von Systemen, bei denen die Fehler-
baumanalyse verbreitet angewendet wird, sind Kernkraftwerke, Flugzeuge, Kommunika-
tionssysteme, chemische und andere industrielle Prozesse. Der Fehlerbaum selbst ist eine
organisierte grafische Darstellung der Bedingungen oder anderer Faktoren, die das Ein-
treten eines definierten unerwünschten Vorfalls, den man auch Top Event nennt, verur-
sachen oder dazu beitragen [5].
28.4.4.5 Hardware-in-the-Loop (HIL)-Tests
Eine zunehmende Fahrzeugvernetzung stellt besondere Anforderungen an die Absicherung
des gesamten Steuergeräteverbunds, z. B. von Bordnetzsicherheit, Buskommunikation,
Fahrzeugzustandsmanagement, Diagnose und Flashverhalten. Hardware-in-the-Loop
(HIL)-Tests lassen sich anwenden, sobald ein Hardware-Prototyp des Systems oder auch
ein Teil davon (z. B. eine elektronische Steuereinheit eines Fahrzeugs) verfügbar ist. In
einer software-simulierten, virtuellen Umgebung wird der Prototyp als Device Under Test
(DUT) in einen „Loop“ (Kreislauf) eingefügt. Diese soll der echten Umgebung so ähnlich
wie möglich sein. Der DUT wird unter Echtzeitbedingungen be
trieben [28].
28.4.5 Prüfkriterien durch Expertenwissen
Im Freigabeprozess ist eine Vorgehensweise zur Überprüfung vorzusehen. Für den End-
nachweis einer Sicherheitsbestätigung automatisierter Fahrzeuge sind Prüfkriterien im
Sinne von „bestanden“ bzw. „nicht bestanden“ zu empfehlen. Unabhängig davon, welche
Methoden für den abschließenden Freigabenachweis ausgewählt wurden, sollten sich die
Experten darauf einigen, welche Prüfkriterien ausreichend sind, damit das Fahrzeug
bestimmte Situationen eines Systemversagens oder Fehlfunktionen erfolgreich bewältigt.
Für entsprechende Kriterien sind allgemein anerkannte Werte zum Erreichen der gewünsch-
ten Fahrzeugreaktion heranzuziehen. Eine Evaluation kann durch etablierte Methoden
er folgen.
Auf Basis der Liste potenzieller Gefahrensituationen (S. 622, Abschnitt 28.4.3) ent-
wickelt ein Expertengremium die Prüfkriterien für sicheres Fahrzeugverhalten und even-
tuell auch relevante Testszenarien. Dafür ist insbesondere ein Team von Systemingenieuren
und Unfallforschern erforderlich. Die erste Gruppe bietet Wissen über die genauen System-
funktionalitäten, Zeitabläufe und Erfahrungen mit Fehlermöglichkeiten. Unfall
forscher
tragen ihr Erfahrungswissen über risikobehaftete Verkehrssituationen bei (s. Kap. 17). Jede
bekannte risikobehaftete Situation, in die das Fahrzeug geraten könnte, ist zu berücksich-
tigen. Zu den identifizierten Risiken spezifiziert der Entwickler mindestens eine mögliche
Abhilfemaßnahme im Hinblick auf die Sicherheitsanforderungen. Be
zogen auf den ab-
schließenden Nachweis gilt das Testszenario als „bestanden“, wenn das automatische Fahr-
zeug wie erwartet reagiert oder die Situation anderweitig zufriedenstellend löst.
Autonomes Fahren
Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte
Gefördert durch die Daimler und Benz Stiftung