Seite - (000690) - in Autonomes Fahren - Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte
Bild der Seite - (000690) -
Text der Seite - (000690) -
Gesellschaftliche Risikokonstellation für autonomes Fahren – Analyse,
Einordnung668
denn dann steigt der Anteil (nicht unbedingt die absolute Zahl) der technikverursachten
Unfälle.3 Während heute die Verursacher zumeist Menschen sind und daher die Haftpflicht-
versicherungen die entstandenen Schäden ausgleichen, würde bei durch autonome Fahr-
zeuge verursachten Unfällen die Betreiberhaftung des Fahrzeughalters oder die Produkt-
haftung der Hersteller greifen (s. Kap. 26; vgl. auch [4], [7]).
30.3.2 Risikokonstellation Verkehrssystem
Auf der Systemebene verspricht das autonome Fahren mehr Effizienz, eine Verringerung
von Staus und eine (vermutlich jedoch nur geringfügig, vgl. [4], [13]), bessere Umwelt-
bilanz (s. Kap. 16). Im traditionellen Verkehrssystem entstehen systemische Effekte und
damit auch mögliche Risiken vor allem durch die verfügbare Verkehrsinfrastruktur und ihre
Engpässe in Verbindung mit dem individuellen Fahrverhalten sowie dem Verkehrsaufkom-
men. Einzelne Situationen wie schwere Unfälle oder Baustellen können zu systemischen
Effekten wie Staus führen. Das autonome Fahren fügt den möglichen Ursachen für syste-
mische Effekte eine weitere hinzu: die zugrunde liegende Technologie. Im Folgenden wird
nur der Fall betrachtet, dass die autonomen Fahrzeuge nicht bordautonom, sondern auf eine
Internetverbindung angewiesen sind.
Durch die Steuerungssoftware und die Angewiesenheit auf das Internet (z. B. im Rahmen
eines „Internet der Dinge“) könnten neue Effekte hervorgerufen werden (s. Kap. 24). Wäh-
rend in der bisherigen Autowelt die Fahrzeuge mehr oder weniger unabhängig voneinander
bedient werden und sich Massenphänomene nur emergent durch das ungeplante Zusam-
menwirken der vielen individuell geführten Fahrzeuge ergeben, wird der autonom geführ-
te Verkehr zu einem gewissen Anteil durch Leitzentralen und Vernetzung verbunden sein,
z. B. um den Verkehr optimal durch miteinander verbundene Autobahnpiloten (s. Kap. 2)
zu lenken. Die Steuerung einer großen Zahl von Fahrzeugen wird voraussichtlich durch
eine der Grundstruktur nach identische Software erfolgen, weil Komplexität und Firmen-
konzentration vermutlich die Zahl von Zulieferern stark begrenzen werden. Jedenfalls
theoretisch könnte es dadurch zu simultanem Ausfall oder zu simultanem Fehlverhalten
einer großen Zahl von Fahrzeugen kommen, basierend auf dem gleichen Softwareproblem.
Diese Probleme wären dann nicht mehr, wie bei den o. g. Unfällen, räumlich, zeitlich und
in der Schadensgröße überschaubar, sondern könnten volkswirtschaftlich relevante Dimen-
sionen annehmen.
Insofern autonome Fahrzeuge über das Internet oder andere Technologien miteinander
vernetzt sind, kann das System autonomen Fahrens als ein koordiniertes Megasystem an-
gesehen werden. Dessen Komplexität wäre extrem hoch, vor allem auch weil es menschlich
bedienten Verkehr integrieren müsste – die Musterkonstellation für schlecht oder mögli-
cherweise gar nicht antizipierbare systemische Risiken, in denen sich Risiken komplexer
3 Übrigens wäre davon auch ein wesentliches Geschäft der Versicherungsbranche betroffen, die
Pkw-Haftpflicht.
Autonomes Fahren
Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte
Gefördert durch die Daimler und Benz Stiftung