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143Die
Bautätigkeit Herzog Leopolds VI.
Fontfroide bei Narbonne in Südfrankreich , die sich nach Marcel Aubert seit dem
Ende des 12. Jahrhunderts im Bau befand473 , besitzt in zahlreichen Einzelheiten ,
wie den additiv gereihten und auch ähnlich profilierten Arkaturen , in der An-
ordnung sämtlicher Säulchen auf gleichem Basisniveau , in der kuppeligen Über-
höhung der Kreuzrippengewölbe mit markant ausgeschiedenen Eckjochen und
in den großen Rundfenstern der Fensterwandjoche geradezu wörtliche Überein-
stimmungen mit Lilienfeld. Da Leopold VI. im Jahre 1212 an dem großen Kreuz-
zug gegen die Ketzerbewegung der Albigenser teilgenommen hat und das Klos-
ter Fontfroide das militärische Hauptquartier dieses Feldzugs gegen die Ketzer
war , ist es sehr wahrscheinlich , dass der Herzog damals den im Bau befindlichen
Kreuzgang in Fontfroide selbst gesehen hatte474 und sich in der Folgezeit Bauleu-
te nach Österreich kommen ließ , die ihm einen nach diesem Vorbild gestalteten
Klosterhof in Lilienfeld bauen sollten. Die Verwirklichung dieses Planes durch
Ausstattung der Gewölbeträger und Polyforien der Fensterwände mit Hunderten
von Säulchen aus rotem Marmor lag zwar nicht auf der Linie der den Zisterzien-
sern vorgeschriebenen baulichen Schlichtheit , dafür umso mehr im Interesse des
Stifters auf fürstliche Repräsentation. Auch in der abwechslungsreicher variier-
ten Anordnung der gebündelten Säulen übertrifft der Gestaltungsreichtum des
Kreuzgangs von Lilienfeld das französische Vorbild von Fontfroide beträchtlich.
Hadmar II. von Kuenring , der treueste Gefolgsmann Leopolds VI. , hatte an
der Seite des Herzogs am Kreuzzug von 1217 teilgenommen und dabei den Tod
gefunden. Herzog Leopold fühlte sich nach seiner Rückkehr vom Kreuzzug ver-
mutlich verpflichtet , die Stiftung zur Errichtung des Kreuzgangs von Zwettl , die
sein treuer Ministeriale begonnen hatte , zu unterstützen und zu Ende zu führen.
So hat es den Anschein , dass der Fürst die von ihm in Fontfroide gefundenen
Bauspezialisten zuerst zur Fertigstellung der Anlage von Zwettl einsetzte , wo sie
an die Stelle der ersten , älteren Gruppe von Werkleuten traten. Es ist aber auch
möglich , dass sie deshalb nicht sogleich in Lilienfeld eingesetzt werden konnten ,
weil es dort – bald nach 1217 – zum Einsturz des nördlichen Querhausflügels ge-
kommen war und der dringend erforderliche Wiederaufbau der Kirche den Bau-
beginn am Kreuzgang verzögerte. So legten die Kreuzgangspezialisten zuerst in
Zwettl eine Probe ihres Könnens ab , ehe sie anschließend für den Herzog in Li-
lienfeld tätig wurden475. Der noch vor 1227 vollendete Kreuzgang von Zwettl ist
daher ein Werk , das im Anlagentypus und in zahlreichen Details als unmittelba-
rer Vorläufer der Kreuzgänge von Lilienfeld und Heiligenkreuz anzusprechen ist.
Sehr bald danach dürfte die Arbeit am Kreuzgang von Lilienfeld aufgenommen
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Titel
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Autor
- Mario Schwarz
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 498
- Schlagwörter
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur