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155Die
Bautätigkeit Herzog Leopolds VI.
nach der komplette Neubau in Angriff genommen wurde.
1189 wurde der Bamberger Bischof Otto I. auf Betreiben
Ottos II. heiliggesprochen , danach habe dessen Nachfol-
ger Bischof Timo ( reg. 1196–1201 ) die Osttürme zu bau-
en begonnen , wobei für den Wiederaufbau des Doms im
Jahre 1197 sogar eine eigene Steuer eingehoben wurde. Im
Jahre 1200 erfolgte die Heiligsprechung der Kaiserin Ku-
nigunde , Gemahlin des damals bereits kanonisierten Kai-
sers Heinrich II. , 1201 wurden ihre Reliquien im Ostchor
des Doms aufgestellt , der nach Meinung von Hubel und
Schuller zu diesem Zeitpunkt bereits benützbar gewesen
sei. 1203 wurde Bischof Konrad von Egersheim in der Ost-
krypta beigesetzt. Ab diesem Jahr wurde der Dombau von
Bischof Ekbert von Andechs-Meranien bis zu einer Un-
terbrechung zwischen 1208 und 1211 und danach weiter
bis zur Weihe von 1237 fortgesetzt. Wenn man annehmen
darf , dass der Bau der Liebfrauenkirche von Wiener Neu-
stadt schon bald nach Abstecken des Grundrisses im Jahr
1193 begonnen wurde , können die ab etwa 1197 bis vor 1201
errichteten Osttürme des Bamberger Domneubaus als ak-
tuelle Vorbilder für Wiener Neustadt gedient haben. Dabei kann das Vertrau-
ensverhältnis zwischen Herzog Leopold VI. und Bischof Ekbert von Bamberg ,
welches im Zusammenhang mit der Wiederbegründung des südsteirischen Kar-
täuserklosters Gairach / Jurklošter bezeugt ist , eine wichtige Rolle gespielt haben.
Die erste urkundliche Nennung der Liebfrauenkirche , die einen bereits bestehen-
den Bau meint , erfolgte 1207496.
Besonders eng erscheinen auch die Bezüge der Turmgestaltung von Wiener
Neustadt zu Klosterkirchen in Ungarn , wie Ják ( ab ca. 1220 ) und Zsámbék ( um
1234 ). Im Bauprinzip des Langhauses mit sieben durchgehend kreuzrippenge-
wölbten Travées folgte die Liebfrauenkirche dem von der Zisterzienserbaukunst
übernommenen fortschrittlichen Grundrissformular von Lilienfeld497. Auch diese
Gestaltungsform findet sich in Ják und Zsámbék. Die im Zusammenhang mit
der Wiener Michaelerkirche festgestellten Zusammenhänge der Produktion von
Bauplastik durch gemeinsame Nutzung von Steinbrüchen für Kirchenbauten in
Österreich und in Ungarn lassen an einen noch weitergehenden Erfahrungsaus-
tausch unter den in diesem Grenzraum tätigen Bauwerkstätten denken.
Abb.
62 a und b : Nordportal der Lieb-
frauenkirche Wiener Neustadt. Ansicht
und Plandarstellung
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Titel
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Autor
- Mario Schwarz
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 498
- Schlagwörter
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur