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Die Bautätigkeit Herzog Leopolds VI.
184 chor , die im Bereich der Seitenchorkapellen in großen Rundbogenöffnungen
ausgeschnitten sind. Solcherart ist dem Chorbau ein transversales Schwibbogensys
tem zugrunde gelegt , das die Einfügung der hohen , schlanken Spitzbogengewölbe
im Chormittelschiff ermöglichte ( Abb. 90 a ). Die Umsetzung der Konstruktion
ist ungewöhnlich und zeigt experimentellen Charakter , da sie nicht wie französi-
sche Strebewerke mit Viertelkreis-Strebebogen operiert , sondern mit flankierenden
Halbkreisbogen. Sie kann keinesfalls so routinierten Baukünstlern mit Erfahrun-
gen auf dem Gebiet der französischen Wölbekunst zugschrieben werden , wie sie
am Bau der Capella Speciosa tätig gewesen waren. Obwohl das angewandte Stre-
besystem eine großzügige Öffnung der Wandflächen in Fenstern nach dem Ske
lettbauprinzip erlaubt hätte , blieb diese Gelegenheit ungenützt. Selbst die größte
Wandöffnung an der Ostseite der Chorapsis , in die das Margaretenfenster einge-
setzt wurde , erhielt eine konservative Rundbogenform mit beidseitiger Schräglai-
bung. Die statisch überdimensionierte Strebewerkskonstruktion trug wohl der Ge-
fahr von Hangrutschungen der in exponierter Lage erbauten Kirche Rechnung.
Möglicherweise sah man sich auch durch den nach 1217 in Lilienfeld erfolgten
Baueinsturz zu größerer Vorsicht veranlasst. Die trotz ihrer ungewöhnlichen Bau-
weise funktionell logisch aus Strebebogen und Strebepfeilern zusammengesetzte
Konstruktion in Ardagger gehört zu den frühesten Strebewerken in Österreich :
Zuvor entstanden waren nur die Strebebogen über den Seitenschiffen des Salzbur-
ger Doms ( fertiggestellt vor 1201 ) ; etwa gleichzeitig anzusetzen sind die beim ers-
ten Umbau der Stiftskirche Lilienfeld angebrachten Strebebogen an Hochchor und
Nordquerschiff ( nach 1217 , vor 1230 ). Gleichzeitig mit Ardagger sind wohl auch die
Strebebogen über den Seitenschiffen der Zisterzienserstiftskirche Baumgartenberg
( vor 1243 ) entstanden. Während man in Lilienfeld eher den französischen Bau-
Abb.
91 a und b : Krypta der
Stiftskirche Ardagger , Visuali
sierung der Hallenanlage und
Kapitell
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Titel
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Autor
- Mario Schwarz
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 498
- Schlagwörter
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur