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Kaiser Friedrich II. in
Wien234
und verbreiteten den Anlagetypus im Rahmen ihrer expansiven Eroberungspo-
litik von Vorderasien über Nordafrika bis Spanien. Forschungen von Carl Wil-
lemsen an den Stadtburgen ( Ribâts ) der Abbasiden ( Monastir , 796 ) und Aghlabi-
den ( Sousse / Susa , 821 ) in Tunesien807 zeigen , dass die sarazenische Baukunst die
Kastellform byzantinischen Vorbilds auch für Stadtburgen übernommen hat. Aus
der Zeit der Sarazenenherrschaft ist auch in Sizilien eine Kastellburg in Mazzal-
laccar bei Sambuca bezeugt808.
Offensichtlich wurde diese Tradition von den Normannen übernommen und
fortgesetzt , als Süditalien und Sizilien in deren Besitz gekommen waren und sie
vorübergehend auch Teile Nordafrikas besetzt hielten. Neben den byzantinischen
und sarazenisch-arabischen Überlieferungssträngen kamen eigene Erfahrungen
der Normannen aus ihren Herkunftsländern in Nordwesteuropa hinzu. Marian
Kutzner hat auf die Beziehungen der süditalienischen Kastelle zu den norman-
nischen Donjon Burgen mit Innenhof in Frankreich ( Montargis ) und England
( Windsor , Clifford , Rostermel Castle , Durham , Bethlehem , Rothessay , Caris-
brooke ) hingewiesen809 , wie sie im 12. Jahrhundert auch im normannischen Si-
zilien aufkamen ( Caronia )810. So fand Friedrich II. in Melfi , wo er 1231 vorüber-
gehend residierte , eine normannische Befestigungsanlage in Form eines Kastells
mit viereckigem Grundriss und vier Ecktürmen mit quadratischem Querschnitt
vor , welche er mit einem Erweiterungsbau versehen ließ811. Verschiedenarti-
ge Abwandlungen des viereckigen normannischen Donjon-Typs mit Innenhof ,
entweder ohne Ausbildung von Ecktürmen , wie bei dem Jagdschloss Gravina di
Puglia812 , als monumentalisierte Turmburg , wie bei dem Königspalast von Luce-
ra813 , oder durch Zusammenfügen zweier Höfe wie in Lagopesole814 zeigen , dass
noch während der Regierungszeit Friedrichs II. ein experimenteller Prozess ablief ,
aus den normannischen Vorstufen neue Idealgrundrisse zu entwickeln.
Eine hervorragende Bedeutung hatte die Bauform des quadratischen viertür-
migen Kastells in der Architektur der Kreuzfahrer. Die zahlreichen in den frän-
kischen Fürstentümern in Outremêr , auf Zypern ( Paphos ) und im Königreich
Kleinarmenien ( Korykos ) neu erbauten Kastelle bezogen sich gleichfalls auf die
byzantinische und arabische Bautradition. Sie folgten dem überlieferten Bautypus
( im Libanon : Arima / Qalaat al-Ureimah , Gibelet nach 1103 erbaut , Coliath / Qa-
laat al-Qlaiaat ) , steigerten diesen aber auch zu verteidigungstechnischer Perfektion
und repräsentativer Monumentalität ( Johanniterburg Belvoir , ab 1168 erbaut815 ).
Man kann davon ausgehen , dass die bautechnischen Erfahrungen der Festungs-
architektur der Kreuzfahrer im Rahmen des intensiven Kulturaustausches zwi-
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Titel
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Autor
- Mario Schwarz
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 498
- Schlagwörter
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur