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356 Die Bautätigkeit unter Ottokar II. Přemysl
einer Polygonalapsis im Fünfachtelschluss ( Abb. 202 a und b ) , auffallende Ähn-
lichkeit mit den Langchören der ottokarischen Zeit , insbesondere mit dem Chor
der Minoritenkirche Iglau , dem Chor der Margaretenkirche ( Pfarrkirche ) von
Marchegg oder dem Chor der Dominikanerkirche Leoben. Allerdings fehlt – um
diesen Vergleich schlüssig zu führen – bei der Leechkirche das Langhaus , das bei
den bezeichneten Bettelordenskirchen ein unverzichtbarer Bestandteil der Ge-
samtanlage war. Auch in Marchegg war ein Langhaus über dreischiffigem Grund-
riss geplant. Bei der Grazer Leechkirche schließt im Westen unmittelbar an den
einschiffigen Saalraum ein kompaktes Turmpaar mit einer dazwischen befindli-
chen Westempore über einer darunterliegenden Vorhalle an.
Diese ungewöhnliche Gestaltungsform erscheint aus den ordensspezifischen
Eigentümlichkeiten des Deutschen Ritterordens erklärlich. Der aus einer Hos-
pitalbruderschaft hervorgegangene Orden war 1198 nach dem Vorbild der geist-
lichen Ritterorden der Johanniter und Templer organisiert worden. Die Ordens-
ritter lebten entsprechend den Gelübden der Besitzlosigkeit , Keuschheit und des
Gehorsams in kleinen örtlichen Gemeinschaften. 1244 erhielt der Deutsche Or-
den das Statut der Regeln des heiligen Augustinus , was die Ordensmitglieder zum
regelmäßigen gemeinsamen Chorgebet verpflichtete. Durch die bedeutende Rolle
des Deutschen Ordens unter den Staufern hatte der Orden in der ersten Hälfte
des 13. Jahrhunderts nicht nur in Palästina , sondern auch im Reich und in Südita-
lien und danach auch im Baltikum riesige Besitzungen erworben. Da der Orden
sich immerwährend auch zu Hospitaldiensten an Pilgern verpflichtet fühlte , er-
richtete er besonders entlang von Fernverkehrsstraßen regelmäßige Stützpunkte
( Komtureien ) mit Hospitalbauten ( Hospital in Friesach 1203 , Deutsches Haus in
Wien 1204 , Groß Sonntag in der Südsteiermark 1220 , Graz 1233 , Wiener Neustadt
1245 , Laibach 12631210 ). Die Ordensniederlassungen bestanden jeweils nur aus ei-
nigen wenigen Ordensbrüdern. Die Kirchen der Kommenden konnten daher ka-
pellenhaft klein gehalten sein , da sie nur für das gemeinsame Chorgebet der Or-
densritter dienten. Diese Eigenschaften hatten zum Beispiel die mittelalterlichen
Deutschordenskirchen in Wien , Regensburg , Würzburg und Sachsenhausen1211.
Von symbolhafter Bedeutung war an der Leechkirche das Architekturelement
des Westturmpaares mit der Herrschaftsempore. Dieses ursprünglich vom karo-
lingischen Westwerk ableitbare Motiv fand in vielfältigen Beispielen der österrei-
chischen Architektur des 12. und 13. Jahrhunderts als Darstellung des Eigenkir-
chenrechtes baulichen Ausdruck , wie bei den zu Passau gehörenden Stifts- und
Pfarrkirchen St. Pölten , Kremsmünster , Tulln und St. Stephan in Wien nach dem
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Titel
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Autor
- Mario Schwarz
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 498
- Schlagwörter
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur