Seite - 359 - in Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
Bild der Seite - 359 -
Text der Seite - 359 -
359Spätottokarisch
oder frühhabsburgisch ?
in Gefangenschaft geriet , besaß Ludwig IX. in der Christenheit höchstes Ansehen
und galt als moralische Autorität. Von 1250 bis 1254 hielt sich König Ludwig IX.
in Akkon auf. In diesen Jahren ließ der König die Befestigungsanlagen der Kreuz-
fahrer in Akkon , Jaffa , Caesarea und Haifa sowie zahlreiche andere Burgen im
Heiligen Land baulich instand setzen. Zwar galt der deutsche König Konrad IV.
bis zu seinem Tod im Jahre 1254 formell als rechtmäßiger König von Jerusalem ,
doch hat er das Heilige Land niemals betreten und 1246 König Heinrich Lusig-
nan von Zypern als seinen Stellvertreter eingesetzt. De facto wurde König Ludwig
IX. von Frankreich in den Jahren seines Aufenthalts von allen Seiten als eigentli-
cher Herrscher im Königreich Jerusalem anerkannt. 1270 unternahm Ludwig IX.
schließlich den Siebenten Kreuzzug gegen die Muslimen , wobei er in Tunis den
Tod fand und fortan als Märtyrer verehrt wurde1217.
Ludwig IX. von Frankreich verband mit Ottokar II. Přemysl das gemeinsa-
me Bestreben , das Heidentum in Kreuzzugsunternehmungen zu bekämpfen.
Die gleiche Zielsetzung verband den französischen König auch mit dem Deut-
schen Ritterorden , der bis zum Fall von Akkon 1291 im Heiligen Land wirkte und
kämpfte. Zur Regierungszeit König Ottokars II. stand der französische König je-
denfalls auf dem Höhepunkt seines politischen und religiösen Ansehens. Er war
mit Ottokar II. in Verbindung , dem er , wie schon vorher Herzog Friedrich dem
Streitbaren von Österreich , als Zeichen seiner Wertschätzung eine Partikel sei-
ner kostbarsten Reliquie , der Dornenkrone Christi , als Geschenk übersandt hat-
te. Ottokar gründete im Zusammenhang mit dieser Schenkung das böhmische
Zisterzienserkloster Goldenkron , in welchem eine nach dem Vorbild der Pariser
Sainte-Chapelle doppelgeschossige Reliquienkapelle errichtet wurde1218.
Bei der Grazer Leechkirche tritt noch ein weiteres Element in Erscheinung , das
den Vergleich und die stilistische Ableitung mit der Sainte-Chapelle beziehungs-
weise mit der königlichen Hofkunst Frankreichs belegt : Es ist dies die bauplasti-
sche Ausgestaltung , die Horst Schweigert von der Figuralplastik des Tympanons
am Westportal ( Abb. 203 ) über die figürlichen Schlusssteine bis zu den Kapitel-
len einer gemeinsamen Bildhauerwerkstatt zuschreibt1219. Die Bauplastik bein-
haltet zwölf Kapitellfriese , deren naturalistische , teils botanisch verifizierbaren
Pflanzen- und Blattdarstellungen , wie Löwenzahn , Erdbeere , Eiche , Klee , Efeu ,
Hopfen oder Weißdorn , unmittelbar aus der französischen Hofkunst ableitbar
sind ( Abb. 204 ). Derart naturalistische Pflanzen- und Laubdarstellungen gehen
ikonologisch auf die mystischen Naturbetrachtungen des Albertus Magnus und
des Thomas von Aquin zurück. Thomas war am Hofe Papst Clemens IV. , der vor
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Titel
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Autor
- Mario Schwarz
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 498
- Schlagwörter
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur