Seite - 360 - in Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
Bild der Seite - 360 -
Text der Seite - 360 -
360 Die Bautätigkeit unter Ottokar II. Přemysl
seiner Wahl Hofjurist Ludwigs IX. von Frankreich gewesen war , als führender
Theologe tätig. Die naturalistische Ausformung der Kapitell- und Reliefplastik
entwickelte sich vor allem bei der Ausgestaltung der französischen Krönungs-
kathedrale von Reims. Auch im Obergeschoss der Sainte-Chapelle erscheinen
täuschend naturähnliche Blattwerkkapitelle , teilweise sind sie sogar von kleinen
reliefplastischen Vögeln bevölkert. Auch in Böhmen fand in dieser Zeit der vege-
tabilische Naturalismus – etwa bei der Ausgestaltung der Zisterzienserstiftskirche
von Hradište nad Jizerou / Münchengrätz – in aktueller Form Anwendung1220.
Bei den Schlusssteinen der Leechkirche ( Abb. 205 ) fand Horst Schweigert kon-
krete Zusammenhänge mit einer anderen Hofkapelle Ludwigs IX. in Saint-Ger-
main-en-Laye1221.
Die letzten Ablässe vor der Fertigstellung der Leechkirche beleuchten die dra-
matische Entwicklung innerhalb des Deutschen Ordens. 1283 war der Aufruf zu
Spenden für die Bauvollendung noch in Akkon , am damaligen Hauptsitz des
Ordens und der Residenz seines Hochmeisters , abgefasst worden. Die Stadt Bari ,
deren Erzbischof den Aufruf sogleich mit der Verkündung eines Ablasses unter-
stützte , war damals der süditalienische Versorgungsstützpunkt für die Seeverbin-
dung zu Outremêr , wie das Heilige Land französisch genannt wurde1222. 1291 ,
als die Leechkirche knapp vor der Vollendung stand , verloren die Christen ihre
letzten Stützpunkte im Heiligen Land. Die Kreuzzugsbewegung und die christli-
che Herrschaft über das Königreich Jerusalem waren damit endgültig gescheitert.
Der Deutsche Orden musste sein Hauptquartier vorübergehend nach Venedig
verlegen und seine gesamte Tätigkeit überdenken. Kurz darauf kam es zur Über-
siedlung des Hochmeisters nach Ost-
preußen auf die Marienburg1223 und
zur Verlagerung sämtlicher Aktivitä-
ten in den Nordosten Europas , nach
Preußen , Kurland und Livland. Da
der Deutsche Orden im Reich und in
Südeuropa nach wie vor große Besit-
zungen hatte und über beträchtliche
Mittel verfügte , bedeuteten diese po-
litischen Einschnitte keine Minde-
Abb.
204 : Kapitellfries in der „Leechkirche“
in Graz
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Titel
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Autor
- Mario Schwarz
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 498
- Schlagwörter
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur