Seite - 54 - in Bildspuren – Sprachspuren - Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
Bild der Seite - 54 -
Text der Seite - 54 -
54 | Eva Tropper
einfache Machtverhältnisse zwischen zwei unterschiedlich ‚vitalen‘ Sprachgrup-
pen rückzuschließen, gehe es vielmehr darum, das komplexe Zusammenspiel un-
terschiedlicher Faktoren zu berücksichtigen: „[..] language use in the public sphere
reflects the outcome of a complicated interplay between various factors of ethnic,
political, ideological, commercial, or economic nature in a particular societal
context.”25 Hand in Hand damit ging eine kritische Revision des Instrumentariums
von „government“ und „private“ signs, an deren Schwarz-Weiss-Schema (bei al-
ler heuristischen Produktivität) einer staatlich-politischen versus einer privaten
Ebene Kritik geübt wurde zugunsten eines Blicks auf die Komplexität und die
Austauschbeziehungen zwischen diesen Ebenen.
Im Zuge dieser kritischen Revision haben sich insbesondere qualitative Fra-
gestellungen deutlich verstärkt26 – etwa das Interesse, nicht nur sprachliche Ver-
teilungsmuster zu zählen, sondern die Objekthaftigkeit und den Gebrauch einzel-
ner Zeichen einzubeziehen, und daher auch Fragen zu Autorschaft, Leserschaft,
Funktion und Materialität zu stellen.27 Heute gilt ein dezidierter Fokus auf soziale
Praktiken und Handlungsformen im Umgang mit Schriftzeichen der jeweiligen
LL – ohne quantitative Aspekte aufzugeben.28
Was bedeutet das nun für die Anwendung auf historische Postkarten? Inwie-
fern ist es sinnvoll, die Konzepte der LL zu nutzen und kritisch anzuwenden?
LINGUISTIC LANDSCAPES DER
UNTERSTEIERMARK/SPODNJA ŠTAJERSKA
Ich möchte diese Perspektive in der Folge beispielhaft an Postkarten aus dem Be-
reich der Untersteiermark/Spodnja Štajerska diskutieren, einer mehrsprachigen
Region der Habsburger Monarchie, in der das Deutsche traditionell als Lingua
franca, als Sprache der Ämter und Behörden und als Sprache der Bildung veran-
kert war, während das Slowenische zwar weit verbreitet war, aber als nichtdomi-
nante Sprache auftrat. Die meisten Bewohner der agrarisch geprägten Region
sprachen zuhause Slowenisch, waren also demografisch gesehen in der Überzahl
25 Van Mensel/Vandenbroucke/Blackwood, „Linguistic Landscapes”, S. 430.
26 Vgl. z.B. Elana Shohamy, Durk Gorter: Linguistic Landscape. Expanding the Scenery,
New York 2009.
27 Vgl. z.B. Adam Jaworski, Crispin Thurlow (Hg), Semiotic landscapes: Language, im-
age, space, London 2010.
28 Van Mensel/Vandenbroucke/Blackwood, „Linguistic Landscapes”, S. 440.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Titel
- Bildspuren – Sprachspuren
- Untertitel
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Autoren
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Herausgeber
- Eva Tropper
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 346
- Schlagwörter
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen