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62 | Eva Tropper
der untersuchten Objekte einbezieht und die „sozialen Biografien“ dieser Karten
berücksichtigt.45 Damit ist gemeint, dass wir den Blick gewissermaßen auf die
„Objektschicksale“46 der Postkarten ausrichten und sprachliche Verteilungsmuster
mit Prozessen der Produktion, des Gebrauchs, aber auch des „Überlebens“ dieser
Karten als Objekte der Forschung korrelieren. Das impliziert Fragen wie: (1) Wer
hat die Karten hergestellt und in Umlauf gebracht? Wer ist verantwortlich für die
Sprachentscheidungen auf Postkarten? (2.) Wer hat die Karten verwendet; wie
nutzen slowenisch- und deutschsprachige Schreibende die slowenisch-, deutsch-
oder zweisprachigen Vorlagen? (3.) Welche Karten finden überhaupt Eingang ins
Archiv, wer hat sie – in welchem geografischen Raum, in welchem institutionellen
oder privaten Rahmen – gesammelt, und mit welchem Sammelinteresse? Mit Fra-
gen wie diesen, die in der Folge näher vorgestellt werden sollen, wird auch der
kritischen Erweiterung der LL-Debatte Rechnung getragen, insofern Sprachzei-
chen auf Postkarten als verortete, in materielle und soziale Vollzüge eingebundene
Phänomene verstanden werden.
Wer trifft Sprachentscheidungen für Postkartenaufdrucke –
und warum? Zu den „linguistic landscape actors“
Eine Beurteilung der Sprachverteilungen auf Postkarten bedarf zunächst einmal
des Korrektivs, über die dahinter stehenden Akteure nachzudenken. Denn wer ent-
schied darüber, in welcher Sprache der Ortsname, allfällige Grußformeln und an-
dere Angaben wie etwa die Verlegerdaten auf dem Karton angebracht wurden?
Die Kategorie „Autorenschaft/Verfasserschaft“ ist im Zusammenhang mit Studien
zur Linguistic Landscape bisher kaum thematisiert worden. David Malinowski
verweist darauf, dass den meisten Arbeiten, die mit der Dichotomie von behördli-
chen versus privaten Zeichen operieren, implizit eine Vorstellung individueller
Autorenschaft von privatwirtschaftlichen Akteuren eingeschrieben sei.47 Während
„top-down-signs“ grundlegend auf die Strategie der Herstellung von Dominanz
einer Sprache über die andere ausgelegt wären, seien „bottom-up-signs“ offener
für individuelle Strategien der Bedeutungsproduktion. Damit werde allerdings ei-
ner relativ simplen Vorstellung autonomer Autorschaft die Tür geöffnet, in der die
45 Zum Konzept der „social biography” im Zusammenhang mit Bildquellen vgl. Elizabeth
Edwards, Janice Hart: „Photographs as objects”, in: Dies. (Hg.), Photographs, objects,
histories. On the materiality of images, London/New York 2004, S. 1-15, hier S. 3
46 Dietrich Boschung, Patric-Alexander Kreuz, Tobias Kienlin (Hg.), Biography of Ob-
jects. Aspekte eines kulturhistorischen Konzepts, Paderborn 2015, hier Klappentext.
47 David Malinowski, „Authorship in the Linguistic Landscape. A Multimodal-Performa-
tive View”, in: Shohamy/Gorter (Hg.), Expanding the Scenery, S.107-125, hier S. 109.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Titel
- Bildspuren – Sprachspuren
- Untertitel
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Autoren
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Herausgeber
- Eva Tropper
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 346
- Schlagwörter
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen