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Der Quellenwert handschriftlicher Spuren auf Postkarten | 85
volute wird deutlich, dass Karten, die von nationaler Indifferenz und selbstver-
ständlicher Zweisprachigkeit erzählen, deutlich häufiger waren als solche, die na-
tionalen Bekenntnissen Ausdruck verliehen.16
Verfolgen wir diese Feststellungen jedoch weiter am Beispiel jener Karte aus
Virštanj/Vierstein in Abb. 1. Zusätzlich lassen sich auf ihr nämlich noch zwei wei-
tere häufig auf Postkarten zu beobachtende – anationale – Gebrauchsarten nach-
weisen. Zum einen ist der handschriftliche Grußtext zu nennen, der lediglich das
Wetter diskutiert. Nachdem die Postkarte ein halböffentliches Medium war, das
offen verschickt von jedem, der es in die Hand bekam, gelesen werden konnte,
wurden auf ihr praktisch nie große Geheimnisse verraten. Diese blieben nach wie
vor dem Brief vorbehalten – erkenntlich an der häufig auf Postkarten zu findenden
Ergänzung des Typs „Brief folgt“. Ab und zu finden sich auch kleine Verschlüs-
selungen auf Postkarten, z. B. durch Sätze in Stenografie (oder selten unter slowe-
nischen, entsprechend gebildeten Schreibern slowenische Grußtexte auf Kyril-
lisch17) oder durch die Art und Weise, wohin die Briefmarke geklebt wurde.
Zum anderen beschrieb die Postkartenschreiberin die topographischen Bild-
chen und erklärte die Umgebung des dargestellten Ortes, in dem sie oben rechts
die beiden in der Ferne zu sehenden Berge als „Kaisersberg“ und „Königsberg“
markierte. Auch dies ist eine häufig zu beobachtende Aneignungsform von Post-
karten dieser Zeit: Die Benutzer stellten entweder sich selbst in Bezug zum dar-
gestellten Raum und markierten mit Pfeilen und Kreuzchen, wo sie sich befanden,
von welcher Bedeutung die abgebildeten Gebäude/Gegenden o. ä. für sie waren,
oder sorgten im dargestellten Raum für Orientierung, indem sie erklärten, was sich
wo befindet. Sie kommunizierten dadurch über Bilder und setzten sich selbst in
Beziehung zu dem sie umgebenden (und auf den Postkarten abgebildeten) Raum.
Anhand nur einer besprochenen Bildseite wird an diesem Beispiel bereits deutlich,
dass oft mehrere – und nicht immer nur nationale – Einschreibungsmöglichkeiten
von Postkartenschreibern genutzt wurden.
Ein Beispiel für nationale Indifferenz bzw. friedliche Zweisprachigkeit sehen
wir in Abb. 2 und 3: Diese zweisprachig bedruckte Karte wurde aus Sveti duh na
Ostrem vrhu/Heiligen Geist am Osterberg, unmittelbar an der heutigen Staats-
16 ForscherInnen, die sich mit Fragen der nationalen Indifferenz bzw. Flexibilität in der
Habsburger Monarchie beschäftigen, sei demnach die Arbeit mit Postkarten empfohlen.
Vgl. zum Konzept der nationalen Indifferenz allgemein: Pieter M. Judson, Guardians
of the Nation. Activists on the language frontiers of imperial Austria, Cambridge, Mas-
sachusetts 2006.
17 Siehe ein Beispiel hierfür im Beitrag von Theodor Domej in diesem Sammelband.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Titel
- Bildspuren – Sprachspuren
- Untertitel
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Autoren
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Herausgeber
- Eva Tropper
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 346
- Schlagwörter
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen