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Bildspuren – Sprachspuren - Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
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98 | Karin Almasy war, also auch für weiter entfernte steirische Regionen Graz das medizinische Ver- sorgungszentrum ersten Ranges war, zumal für offenbar langwierigere Probleme einer wohlhabenderen Klientel. Dass katholische Traditionen bei der Mehrheit der damaligen steirischen Bevölkerung ein ständiger und selbstverständlicher Beglei- ter im Alltag waren, erkennt man an der heute mittlerweile als veraltet geltenden Grußformel Zbogom ('Mit Gott') und den erwähnten Glückwünschen zum Na- menstag. Gratulationen zum Namensfest findet man auf Postkarten der damaligen Zeit sehr häufig; Geburtstage wurden hingegen kaum gefeiert. Ungewöhnlich für damalige Grußbotschaften ist hingegen, dass keine gemeinsamen Verwandten o- der Freunde gegrüßt oder erwähnt werden, weshalb die Vermutung geäußert wer- den könnte, dass die beiden berufstätigen Schwestern möglicherweise eher ehe- und kinderlos waren. Betrachtet man zudem die Sprache der Schreiberin Ana, kann schnell festge- stellt werden, dass sie offenbar nur eine sehr rudimentäre Schulbildung genossen, nichtsdestotrotz aber lesen und schreiben gelernt hat. Sie schreibt in einem dialek- tal oststeirisch geprägten Slowenisch, mischt deutsche Entlehnungen in ihren Text (brif für Brief, špital für Spital) – bis heute ein übliches Charakteristikum des mündlichen, dialektalen Slowenischen – und schreibt teilweise phonetisch, setzt z.B. nicht immer der Norm entsprechende Wortgrenzen (z. B. želimti anstatt želim ti). Bereits zuvor haben wir gehört, dass 1900 schon um die 80% der steirischen Bevölkerung lesen und schreiben konnte, die Unterschiede zwischen Stadt und Land aber immer noch beträchtlich waren. Hier im ländlichen Kontext, in dem Ana und Cilika wohl aufwuchsen, war die Analphabetenquote immer noch über- durchschnittlich hoch: Während die Stadt Ptuj/Pettau nur mehr 14% Analphabeten aufwies, hatte der Bezirk Ptuj/Pettau, also das Umland (ohne Stadt) mit seinen kleinen Dorfgemeinden wie Bukovci/Puchdorf immer noch 28% Analphabeten, also doppelt so viele wie die nächst gelegene Stadt.24 Wie man sich also den Bil- dungs- und Alphabetisierungsgrad und den Umgang mit Schriftlichkeit der einfa- chen Bevölkerung dieser Zeit vorstellen kann, wird anhand solcher vordergründig ‚banaler‘ Schriftzeugnisse wie dieser Postkarte von Ana an ihre Schwester Cilika sichtbar. 24 K.k. statistische Central-Commission, Ergebnisse der Volkszählung 1900, 1902, S. 80- 83.
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Bildspuren – Sprachspuren Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
Titel
Bildspuren – Sprachspuren
Untertitel
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
Autoren
Karin Almasy
Heinrich Pfandl
Herausgeber
Eva Tropper
Verlag
transcript Verlag
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8394-4998-1
Abmessungen
14.8 x 22.5 cm
Seiten
346
Schlagwörter
Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
Kategorien
Geschichte Historische Aufzeichnungen
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