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Wie die Nadel im Heuhaufen | 109
und zwar nicht nur bei den unterschiedlichsten Gattungen von Motivkarten, son-
dern sogar bei den auf den ersten Blick inhaltlich eindimensionalen Ortsansichten.
An den Ansichtskarten können die Kohärenz zwischen Bild und Text untersucht
und die einzelnen Komponenten der Botschaft erschlossen werden, unter Berück-
sichtigung der expliziten und impliziten Botschaften und der nonverbalen Nach-
richtenanteile.10
ANSICHTSKARTEN ALS NEBENSCHAUPLATZ
DES NATIONALITÄTENKONFLIKTS
Die Spätzeit der Habsburgermonarchie stand – folgt man den nationalen Narrati-
ven – im Zeichen von Nationalitätenkämpfen. Sie wurden in erster Linie von den
gesellschaftlichen Eliten geführt, denn es ging dabei um Macht und Ressourcen,
um die Absicherung des nationalen Besitzstandes und nicht zuletzt um individu-
elle Positionen in Politik, Verwaltung, Bildung, Exekutive und Wirtschaft auf lo-
kaler und regionaler Ebene. Neutrale Räume oder solche ohne Einfluss des Nati-
onalismus wurden kleiner und kleiner. Es dauerte aber mehrere Generationen lang,
bis breite Bevölkerungskreise vom nationalen Gedankengut erfasst wurden. Ge-
rade in einem Zeitabschnitt, in dem der Nationalismus bzw. die nationalen Bewe-
gungen die gesamte Bevölkerung als Zielgruppe wahrzunehmen begannen, erleb-
ten die Ansichtskarten ihre Hochblüte. Doch trotzdem transportierte nur ein ver-
schwindend kleiner Teil der Ansichtskarten offen nationalpolitische Botschaften.
Ob sie in der sich formierenden nationalen Gesellschaft eine im Sinn des Natio-
nalismus identitätsstärkende Rolle spielten, soll hier eine der Fragestellungen sein.
In so gut wie allen Beiträgen über den Entwicklungsgang der Ansichtskarte
wird Emanuel Herrmann (*1839 Klagenfurt – †1902 Wien) erwähnt, der „Erfin-
der“ der Korrespondenzkarte, des nicht bebilderten Vorläufers der Ansichtskarte.
In einem Zeitungsartikel, erschienen am 26. Jänner 1869,11 beschäftigte er sich
mit der Notwendigkeit, ein in mehrerer Hinsicht sparsames, auf dem Postweg zu
beförderndes Kommunikationsmittel einzuführen. Er ging vom rasant wachsen-
den Aufkommen des Briefverkehrs aus. Indem er sich auf Briefpostverkehrsdaten
aus verschiedenen Ländern der Habsburgermonarchie und der wirtschaftlich ent-
wickelten Welt berief, stellte er die These auf, „daß der Briefverkehr weit ent-
10 Schulz von Thun, Miteinander reden 1, S. 25-68.
11 E. H-n. [= Emanuel Herrmann], „Ueber eine neue Art der Correspondenz mittelst der
Post“, Neue Freie Presse, 26. 1. 1869, Nr. 1584, S. 4.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Titel
- Bildspuren – Sprachspuren
- Untertitel
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Autoren
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Herausgeber
- Eva Tropper
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 346
- Schlagwörter
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen