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Bildspuren – Sprachspuren - Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
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110 | Theodor Domej schiedener als der Seifenconsum, wie (Justus von) Liebig, oder als der Eisencon- sum, wie (Peter) Mischler meinten, der Gradmesser der Bildung und wirthschaft- lichen Entwicklung“ sei. Er setzte fort: „Aber er ist nicht nur der Ausfluß der Bil- dung und wirthschaftlichen Entwicklung, er ist auch einer der thätigsten Begrün- der derselben. Daher fördert Alles, was den Briefverkehr erleichtert, auch die Bil- dung und die wirtschaftliche Wohlfahrt in nicht hoch genug zu schätzender Weise.“ Sein Vorschlag lautete, „Postkarten, (…) eine Art Post-Telegramme […], welche, ausgenommen die Schnelligkeit der Versendung, fast alle Vorzüge der Telegramme theilen“ einzuführen. Unter anderem erwartete er neben finanzieller Ersparnis eine Veränderung des Schreibstils, „weil Einen die einmal unentbehrli- chen Floskeln, Aufschriften, Versicherungen der ungetheiltesten Hochachtung u. s. w. eines (…) Briefes anwidern. Dies Alles bliebe weg, man könnte sich, wie man ja schon lange bei den Telegrammen zu thun gewohnt ist, auf die unumgäng- lich nothwendigen Ausdrücke beschränken. Wir besäßen in Bälde eine eigene Te- legramm-Briefsprache, welche mit der Taciteischen kühn in die Schranken treten könnte.“ Offenbar rannte Herrmann bei der Postbehörde offene Türen ein, denn schon nach wenigen Monaten wurde die Korrespondenzkarte eingeführt. Im Briefpostverkehr nahm sie nach den Briefen bald die zweite Stelle ein. In den 1880er Jahren entfiel etwa ein Viertel des Briefpostverkehrs auf Korrespondenz- karten.12 Als schließlich in den folgenden Jahrzehnten die mit der Korrespondenz- karte postalisch gleichgesetzte Ansichtskarte mit Begeisterung angenommen wurde, erhöhte sich die Zahl derartiger Postsendungen noch mehr. Herrmann lieferte eine sich auf statistische Daten stützende soziologische Ex- pertise über die erreichte Stufe der schriftlichen Kommunikation, indem er fest- stellte, dass das Schreiben von Briefen von mehreren Faktoren beeinflusst werde: „Die Nothwendigkeit und Neigung, Briefe zu schreiben, ist freilich für die ver- schiedenen Berufsclassen und Nationalitäten, für Stadt- und Landbewohner eine sehr verschiedene.“13 Bildung und Sozialstruktur, gepaart mit der Erstsprache wa- ren also entscheidende Einflussfaktoren für die schriftliche interpersonelle Kom- munikation. Die wichtigste Vorbedingung, damit schriftliche Kommunikation gelingt, ist aber die Schreib- und Lesekompetenz des Absenders und des Adressaten. In dieser Hinsicht gab es innerhalb der Habsburgermonarchie große Unterschiede. Als Ende des 19. Jahrhunderts der Ansichtskartenboom allmählich einsetzte, konnten in der österreichischen Reichshälfte knapp 60 % der Erwachsenen (mehr Männer als Frauen) lesen und schreiben, etwas mehr als ein Drittel konnte weder das eine 12 Oesterreichisches statistisches Taschenbuch bearbeitet nach amtlichen Quellen, Wien 1890, S. 198. 13 E. H., „Ueber eine neue Art“, S. 4.
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Bildspuren – Sprachspuren Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
Titel
Bildspuren – Sprachspuren
Untertitel
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
Autoren
Karin Almasy
Heinrich Pfandl
Herausgeber
Eva Tropper
Verlag
transcript Verlag
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8394-4998-1
Abmessungen
14.8 x 22.5 cm
Seiten
346
Schlagwörter
Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
Kategorien
Geschichte Historische Aufzeichnungen
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