Seite - 113 - in Bildspuren – Sprachspuren - Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
Bild der Seite - 113 -
Text der Seite - 113 -
Wie die Nadel im Heuhaufen | 113
respondenzkarten vollkommen entsprechen und demgemäß auf der Vorderseite die deut-
sche Ueberschrift ‚Korrespondenzkarte‘ enthalten, welche Bezeichnung auch noch in einer
anderen Landessprache beigefügt sein kann. Es wurde zur hierortigen Kenntniß gebracht,
daß die Vorderseite einiger von Privaten aufgelegten Korrespondenzkarten theils durch die
unterlassene Bezeichnung in deutscher Sprache, theils durch das Anbringen von Porträts
einzelner Persönlichkeiten, heraldischer Embleme, Devisen16 oder anderweitiger Zusätze
politisch-demonstrativen Charakters der vorgeschriebenen Form nicht entspricht. Aus die-
sem Anlasse wird den k. k. Postämtern bedeutet, daß die durch die Privatindustrie herge-
stellten, sowie die postämtlich aufgelegten Korrespondenzkarten im Sinne der hierortigen
Entscheidung vom 4. Juli 1881 nur auf der Rückseite solche aufgedruckte, jedoch nicht
aufgeklebte oder eingepreßte bildliche Darstellungen enthalten dürfen, welche weder poli-
tisch – demonstrativen Charakters, noch sonst nach der Verordnung vom 22. September
1869 unstatthafter Natur sind. Alle Korrespondenzkarten ohne die vorgeschriebene Be-
zeichnung in deutscher Sprache oder mit vorschriftswidrigen Zuthaten sind unbedingt von
der Postbeförderung beziehungsweise von der Bestellung auszuschließen, und in zweifel-
haften Fällen der vorgesetzten k. k. Post- und Telegrafen- Direkzion zur Entscheidung vor-
zulegen.“17
In einer Salzburger Zeitung hieß es konkret, dass der Anlassfall „von spekulativen
tschechischen Buchdruckern erzeugte Korrespondenzkarten [gewesen waren],
welche auf der Adressseite mit den Porträts tschechischer Parteiführer und mit
demonstrativen nationalen Devisen in rot-weißem Druck18 versehen waren.“19
Ähnliche Interventionen der für den Postbetrieb zuständigen Behörde gab es in
der Folge noch einige Male. Doch damit war das Problem nicht aus der österrei-
chischen innenpolitischen Welt geschafft, denn wie wir wissen, feierten die poli-
tischen Parolen und Karikaturen ‚fröhliche Urständ‘, nachdem sie auf die Rück-
seite der Korrespondenzkarte übersiedelten. Ein Beförderungsverbot betraf 1890
Korrespondenzkarten, die Georg von Schönerer, der Wortführer der Deutschnati-
onalen, in hoher Stückzahl in Umlauf brachte. Auf der Rückseite trugen sie die
Parole „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts auf der Welt“. Dem Aufga-
bepostamt wurde „zur Darnachachtung bedeutet, daß derartige Correspondenzkar-
ten im Sinne des Handelsministerial Erlasses vom 28. November 1885 von der
16 In der Bedeutung von Leit- und Wahlsprüchen, Losungen, Parolen (Anm. T.D).
17 Post- und Telegraphen-Verordnungsblatt für das Verwaltungsgebiet des k. k. Handels-
ministeriums, 08. 12. 1885, Nr. 93, S. 559f.
18 Rot-weiß waren die Farben Böhmens.
19 Neuigkeits Welt-Blatt, 29. 11. 1885, Nr. 275, S. 3.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Titel
- Bildspuren – Sprachspuren
- Untertitel
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Autoren
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Herausgeber
- Eva Tropper
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 346
- Schlagwörter
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen