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116 | Theodor Domej
durch Repräsentanten oder Aufpasser aus dem deutschnationalen Lager zu sehen
ist, oder als Ergebnis einer informellen, ‚freundschaftlichen‘ Intervention zu er-
klären ist oder gar aus investitionstechnischen Gründen geschah, bleibt wegen feh-
lender Quellen offen. Trotz dieser nationalen Zensur erschienen im Verlag Joh.
Leon sen. mehr als zehn zweisprachige Ansichtskarten und sogar mindestens zwei
mit nur slowenischem Aufdruck des Ortsnamens. Im umfangreichen Sortiment
bildeten sie jedoch nur ein verschwindend kleines Nischenprodukt. Es ist anzu-
nehmen, dass einer der Gründe, weshalb in Kärnten nur wenige slowenische An-
sichtskarten ans Licht kamen, geschäftlicher Natur war, denn immerhin hatte der
Verlag Joh. Leon sen. für sämtliche Artikel des Deutschen Schulvereines die
Hauptniederlage für Kärnten.27 Soweit bekannt, erschien bei Kleinmayr keine ein-
zige Ansichtskarte eines Kärntner Ortes mit slowenischem Aufdruck, möglicher-
weise weil man von Aufträgen aus dem deutschnationalen Lager abhängig war
und man sich diesem allein schon als Verleger der Tageszeitung Klagenfurter Zei-
tung verpflichtet fühlte. Dem katholischen Lager gehörte die St. Josephs-Bruder-
schaft an, die ebenfalls im Kärntner Ansichtskartenmarkt mitmischte. Doch auch
dieser Verlag gab, soweit bekannt, keine Ansichtskarten mit slowenischem Auf-
druck heraus. Verlage von überregionaler Bedeutung engagierten sich zwar eben-
falls auf dem Kärntner Markt, doch nur eine Handvoll Ansichtskarten bekam eine
slowenische Ausstattung (z. B. von den Verlegern G. Fischer, Innsbruck; K.
Schwidernoch, Wien; Stengel & Co, Dresden). Nur einige wenige lokale Verleger
respektierten slowenische Ortsnamen. Einige schienen im aufgedruckten Impres-
sum auf, viele slowenische Ansichtskarten weisen jedoch keinen Verleger aus.
Selbst der Antisemitismus als politische Haltung hinterließ im Ansichtskarten-
handel einige Spuren. Die Freien Stimmen veröffentlichten 1899 einen Artikel,
der ihnen „aus geschäftlichen Kreisen“ zugespielt wurde. Dessen ungenannter Au-
tor wusste über „berechtigten Unmuth“ zu berichten, weil man es „während der
Kaisertage zugereisten Juden gestattet hat, an allen Ecken und Enden Verkaufs-
stände aufzuschlagen und durch schwunghaften Handel mit Ansichtskarten viele
einheimische Geschäftsleute, die sich einen großen Kartenvorrath angeschafft hat-
ten, zu schädigen.“ Es ärgerte ihn, dass „diese[n] Juden, die ein schweres Stück
Geld aus der Stadt forttrugen“ die „Bewilligung zur Aufstellung von Ständen und
zum schwunghaften Hausierhandel“ erteilt wurde und er hoffte, dass dies noch ein
Nachspiel in der Handels- und Gewerbekammer oder im (Klagenfurter) Gemein-
derat finden werde.28 Einmal beschuldigten die Freien Stimmen das katholische
27 Freie Stimmen, 28. 12. 1907, Nr. 104, S. 5.
28 Freie Stimmen, 23. 09. 1899, Nr. 76, S. 4.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Titel
- Bildspuren – Sprachspuren
- Untertitel
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Autoren
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Herausgeber
- Eva Tropper
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 346
- Schlagwörter
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen