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174 | Tjaša Jakop
finden, wenn diese nur auf Deutsch mit Marburg/Drau, Hauptplatz und Herren-
gasse beschriftet waren? Sind am Beginn und Ende des Mitteilungstextes diesel-
ben Gepflogenheiten einzuhalten, wie sie im Brief Verwendung finden, und kenne
ich als Schreibende/r überhaupt diese Formeln, wo ich doch schon kaum jemals
in die Verlegenheit komme, einen Brief schreiben zu müssen? Wird man mein
Slowenisch, das ich bisher nur in meiner engeren geographischen Umgebung ver-
wenden konnte, auch im 100km entfernten Dorf verstehen, dessen Dialekt sich
von meinem eigenen deutlich unterscheidet? Soll ich mich in meiner schriftlichen
Ausdrucksweise an unserem ortsfremden Pfarrer orientieren, dessen Slowenisch
ich selbst nicht immer zur Gänze verstehe, oder besser an unserem Lehrer, der
zwar aus meinem Ort stammt, jedoch viele Wörter und Wendungen verwendet,
die mir fremd sind? Wird meine Adressatin wissen, woher ich ihr schreibe, wenn
mein Heimatort – Sv. Miklavž pri Ljutomeru – auf der Karte nur auf Slowenisch
erscheint, und mein anderer Adressat ahnen, wo mein Urlaubsort Schönstein liegt?
Kann ich mich darauf verlassen, dass mich mein Freund übermorgen in Ljubljana
vom Nachtzug abholen kommt, wird ihn die Postkarte darüber verlässlich und
rechtzeitig benachrichtigen?
Mit all diesen und vielen anderen Fragen beschäftigt sich ein FWF-For-
schungsprojekt, das seit Oktober 2016 am Institut für Slawistik der Grazer Uni-
versität unter der Leitung von Heinrich Pfandl und mit der historischen und bild-
wissenschaftlichen Expertise von Eva Tropper und der slowenistisch-historischen
Kompetenz von Karin Almasy tausende Karten der Region Štajerska, der histori-
schen Untersteiermark, gesichtet, 2243 davon inventarisiert2 und viele davon all-
seitig analysiert hat. Der Leiter des Projekts, der im Oktober 2017 am Symposium
Obdobja in Ljubljana mit einem Vortrag zum Wert der Postkarten als Quelle für
die Zeit zwischen 1890 und 1918 meine Aufmerksamkeit erregte, lud mich ein,
einen dialektologisch-soziolinguistischen Blick auf die Individualtexte der in der
Online-Datenbank POLOS versammelten Postkarten zu werfen und für den vor-
liegenden Sammelband einen Beitrag zu meinen Beobachtungen zu verfassen.
Diesem Unterfangen komme ich hiermit gern entgegen.3
2 Zugänglich und allseitig durchsuchbar auf der Seite https://gams.uni-graz.at/context:
polos (04.01.2020).
3 Die Grundlagen für die vorliegenden Ausführungen entstanden anlässlich eines For-
schungsaufenthaltes des Projektleiters Heinrich Pfandl am Institut für Slowenische
Sprache Fran Ramovš des ZRC SAZU in Ljubljana im Dezember 2019. Heinrich Pfandl
hat auch die spätere Einrichtung der vorliegenden Ausführungen für den deutschspra-
chigen Leser übernommen.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Titel
- Bildspuren – Sprachspuren
- Untertitel
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Autoren
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Herausgeber
- Eva Tropper
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 346
- Schlagwörter
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen