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Beobachtungen zum Slowenischen | 179
beim Alten') formuliert; slow. wäre po starem (wörtlich 'nach dem Alten') zu er-
warten (pri entspricht dt. bei).8
Als Kontrast zu den zitierten Sprachverwendungen eines elaborierten Slowe-
nisch, das wir noch mehrfach auf anderen Karten antreffen werden, hier ein Bei-
spiel der Spiegelung einer viel einfacheren, schriftlich restringierteren Kompetenz
der eigenen Muttersprache:
Hier geht es um ein Phänomen, das man mit einem Begriff aus der russischen
Kulturwissenschaft als „naives Schreiben“ (naivnoe pis’mo10) bezeichnen könnte
und das in diesem Fall gekennzeichnet ist durch das Fehlen von Interpunktions-
zeichen, Unkenntnis von Wortgrenzen („koti“ = ko ti, „mije“ = mi je, „čebtije“ –
če bi ti je etc.), die Verwendung von umgangssprachlichen und dialektalen For-
men (z. B. im Adresstext Frajlen < dt. Fräulein, für slow. gospodična; panaf < dt.
Bahnhof, dafür könnte man [železniška] postaja erwarten). Auf ein andernorts ana-
lysiertes Musterbeispiel naiven Schreibens und dessen Publikation sowie Online-
Verfügbarkeit sei hier nur verwiesen. 11
8 https://gams.uni-graz.at/o:polos.173
9 Produziert 1910 und gelaufen von Celje/Cilli nach Št. Pavel pri Preboldu/St. Paul bei
Pragwald, vgl.: https://gams.uni-graz.at/o:polos.239
10 Analysiert z.B. anhand von Tagebuchaufzeichnungen in N.N. Kozlova, I.I. Sando-
mirskaja, Ja tak choču nazvat' kino. Naivnoe pis'mo: opyt lingvo-sociologičeskogo
čtenija, Moskva 1966.
11 Dabei handelt es sich um eine Karte, die ein besorgter Vater aus Celje/Cilli seiner Toch-
ter nach Pula/Pola kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges schreibt. Sie zeigt ähn-
liche sprachliche Besonderheiten (Wortgrenzenverkennung wie oben, Artikelsetzun-
gen, ta nach deutschem Muster, Lehnwörter: prif). Bereits veröffentlicht in Karin Al-
masy, Martin Sauerbrey: „‚Noviga ni nič. Vojska je hudič.‘ Prva svetovna vojna na
razglednicah s Spodnje Štajerske“, Zgodovina za vse. 2019, XXVI, 1, S. 45-61, sowie
„Ljuba sestra | pret koti nadali pišem | te prav srčno pozdravim | in ti naznanim
da mi | dobro gre za drugo samo | dolg čas mije čebtije kaj priti dol. panapiši
mogoče | te pridem na | panaf čakat [podpis]“
[Übersetzung: 'Liebe Schwester bevor ich dir weiter schreibe begrüße ich dich
recht herzlich und teile dir mit dass es mir gut geht nur langweilig ist mir wenn
du nur runter kommen könntest. aber schreib vielleicht ich komme dich auf den
Bahnhof abholen [Unterschrift]']9
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Titel
- Bildspuren – Sprachspuren
- Untertitel
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Autoren
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Herausgeber
- Eva Tropper
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 346
- Schlagwörter
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen