Seite - 188 - in Bildspuren – Sprachspuren - Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
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188 | Tjaša Jakop
Damit schließt sich der Kreis: Da man die Form Pozdrav nicht als Substantiv
('Gruß'), sondern aufgrund der Verbalrektion als Imperativform ('grüße') interpre-
tieren kann (im Dialekt herrscht Vokalreduzierung, also, standardisiert: Pozdravi),
ergibt der Satz sofort auch Sinn – die Objekte stehen dann im Akkusativ, gebildet
per analogiam zu umgangssprachlichen Alternationen wie Vlado – Vladota,
Marko – Markota, Tone – Toneta. Papata wäre dann als die Akkusativform des
in der Familie verwendeten Germanismus Papa zu sehen, und das Kind Vera hat
1906 in ihrer Familiensprache auch die Form mama nach diesem Muster, unab-
hängig vom Genus dieses Wortes, dekliniert. ‚Sanktionen‘ (oder Spott) brauchte
sie dafür nicht zu befürchten, da der Kommunikationsakt ja beim Postkarten-
schreiben zunächst nur einseitig, als Monolog, wirkt. Warum der Erwachsene (der
Vater?) das Wort mama undekliniert lässt, bleibt im Dunkeln, es sei denn, in der
Familiensprache wäre dieses Wort mit Endbetonung (à la française) ausgespro-
chen worden: Dann hätten wir es mit einem Pseudo-Gallizismus zu tun (da im
Französischen am Ende ein Nasal aufscheint: maman), vielleicht verstärkt durch
den Usus einzelner deutscher Bürgersfamilien, das volkstümliche Mama endbe-
tont stilistisch aufzuwerten. Allerdings sind wir hier bereits im Reich der Speku-
lationen.
Für die Analyse der beiden Karten erwies sich die Fixierung dieses Idiolekts
als Glücksfall: Einerseits dokumentiert eine derartige Sprachverwendung die
Kommunikation innerhalb einer Familie, der es offenbar gelungen ist, eine Grup-
pensprache zu entwickeln („Argot“ in der Terminologie von V. Elistratov), deren
Vorhandensein wir als eine Bedingung für eine funktionierende Familie zu postu-
lieren wagen, andererseits beweist das Vorhandensein von überregionalen Grup-
penphänomenen die Polyfunktionalität sowie einen hohen Entwicklungsstand der
zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch jungen slowenischen Standardsprache.
Soweit eine Art Sprachporträt der Savinja/Sann-Region, wie wir es anhand
erhaltener Postkarten der Zeit erstellen können. Werfen wir nun im Folgenden
noch einen – aus Mangel an Platz nur mehr selektiven – Blick auf Postkarten aus
anderen Regionen der historischen Untersteiermark.
Streiflichter aus dem östlichen Teil der Untersteiermark
Die Kartentexte, welche weiter östlich geschrieben wurden, unterscheiden sich
nicht wesentlich von jenen der Savinja/Sann-Region. Vielen östlichen Kartentex-
ten gemeinsam ist eine relativ große Distanz zur (krainerisch beeinflussten) Stan-
dardsprache, bzw., positiv ausgedrückt, eine hohe Kompetenz, die jeweilige
mündliche Sprachform auf Postkarten zu verschriftlichen. Als typisches Beispiel
möge folgender Auszug aus einer Karte angeführt sein, welche ein Jugendlicher
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Titel
- Bildspuren – Sprachspuren
- Untertitel
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Autoren
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Herausgeber
- Eva Tropper
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 346
- Schlagwörter
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen