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katharina hranitzky
Erweiterung durch zusätzliche Diagramme
Weltdarstellung
Der Einleitung des Petrus von Poitiers zum Compendium, die im unteren Teil von
fol. 3v (Abb. 5) niedergeschrieben wurde,15 ist eine dreiviertelseitige, in Deckfarben,
Gold und einem silberfarbenen Metall sorgfältig ausgeführte Miniatur mit verschie-
denen Aufschriften frontispizartig vorangestellt. Es handelt sich dabei um eine schei-
benförmige, in Kreisringe unterteilte und von einem quadratischen Rahmen (vgl.
Anm. 19) umgebene, schematische Darstellung der Welt, die die zwölf Winde durch
ihr Blasen strukturieren, beeinflussen und wahrnehmbar machen.16 Innerhalb des
breitesten Kreisrings sind die vier Hauptwinde, dargestellt als Köpfe alter Männer
mit grimmigem Gesichtsausdruck, gemäß dem Kreuz der vier Himmelsrichtungen
als dem „grundlegenden Prinzip“ angeordnet. Außerhalb des Weltkreises wieder-
um erscheinen, in vier Besatzmedaillons paarweise gruppiert, die acht Nebenwin-
de als dämonenartige Figürchen mit Wassergefäßen. Hinter der Weltscheibe wird
schließlich Christus sichtbar, der, auf einem Schemel stehend, seine Arme seitlich
ausstreckt, so dass seine kreuzförmige (stark gelängte) Gestalt die ganze Welt hin-
terfängt. Diese Umfassungsfigur verbildlicht die Vorstellung, dass der Gottessohn
im Augenblick seines Opfertodes am Kreuz die Welt zugleich zusammenhält und
erlöst.17 Dabei bringt er auch die unruhigen (grimmigen, teuflischen) Winde, die die
Ordnung der Welt potentiell stören,18 gleichsam unter seine Kontrolle.
Die wichtigste textliche Grundlage für die Miniatur auf fol. 3v stellt ein vermut-
lich im 7. Jahrhundert verfasstes Gedicht dar, das die griechischen und die lateini-
schen Bezeichnungen für die zwölf Winde nennt und deren Anordnung und Ei-
genschaften beschreibt. Seine fünf Strophen wurden in den Mittelkreis der Scheibe
und in deren breitesten Kreisring, zwischen die Medaillons der vier Hauptwinde,
eingetragen.19 In den schmalen Ringen der Weltscheibe stehen, neben den ebenfalls
griechischen und lateinischen Bezeichnungen für die vier Himmelsrichtungen, die
(teilweise anderen Quellen folgenden) Namen der Winde, die gemäß der Windrose
angeordnet sind; die acht Nebenwinde werden außerdem in den Rahmen der vier
Besatzmedaillons genannt. Schließlich enthält der äußerste Kreisring der Scheibe
eine titelartige Umschrift.20
15 Inc.: Considerans historie sacre prolixitatem …
16 Zu den verschiedenen Varianten mittelalterlicher Winddiagramme und ihrer jeweiligen
Interpretation siehe die grundlegende Untersuchung von Barbara Obrist: Wind Dia-
grams and Medieval Cosmology. In: Speculum 72 (1997), S. 33–84.
17 Siehe hierzu ausführlich Esmeijer, La macchina dell’universo (zit. Anm. 2); die „Syndes-
mos-Figur“ sei zugleich als Hinweis auf die „Invisibilia Dei“ zu verstehen (ebd., S. 10, 12 f.).
18 Siehe Obrist, Wind Diagrams (zit. Anm. 16), zum Beispiel S. 37, 66, 83. Die mit den
Himmelsrichtungen gleichgesetzten Hauptwinde würden die Welt strukturieren, wäh-
rend die außerhalb des Weltkreises angeordneten Nebenwinde als die Ordnung ge-
fährdende Kräfte zu deuten seien (S. 83, zu Wien, Österreichische Nationalbibliothek,
Cod. 378; siehe im Folgenden und Anm. 21).
19 Incipit: Quatuor a quadro consurgunt limine venti. Hos circumgemini, dextra levaque iun-
gantur atque ita bisseno circumstant flamine mundum … Zum Gedicht siehe Farmhouse
Alberto, Carmen de ventis (zit. Anm. 2), S. 352 (Cod. 490 der Textfamilie α zugeordnet).
20 Flatibus orbe tonant hii quatuor imperiales + horum quinque (!) volant sunt octo ministeriales.
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Titel
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Autor
- Christine Beier
- Herausgeber
- Michaela Schuller-Juckes
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Abmessungen
- 18.5 x 27.8 cm
- Seiten
- 290
- Kategorien
- Geschichte Chroniken