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katharina hranitzky
Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass die Weltdarstellung in Cod. 490 sowohl
gewisse bildliche Ungereimtheiten als auch eine Reihe von Schreibfehlern aufweist.
So beruht die Personifizierung der Nebenwinde als Wasser ausgießende Figuren,
die an Darstellungen der vier Paradiesflüsse und des Sternzeichens Wassermann
erinnern, offenbar auf einem ikonographischen Missverständnis seitens des Illumi-
nators, der möglicherweise das eher selten gebrauchte Attribut des Windschlauchs
als Wassergefäß missdeutete oder Darstellungen von Paradiesflüssen als Vorlage be-
nutzte.21 Die Beschriftung des Kosmosbildes wiederum ist insofern fehlerhaft, als
die Bezeichnungen für die Himmelsrichtungen und die Namen der Winde in den
inneren Kreisringen teilweise „verrutscht“ und manchmal auch leicht verballhornt
sind.22 Des Weiteren wurden die Namen der Nebenwinde in den Rahmen der Be-
satzmedaillons beiderseits jedes der Hauptwinde paarweise vertauscht.23 Schließlich
enthält die Umschrift der Weltscheibe das in diesem Kontext wenig sinnvolle Wort
Quinque (siehe Anm. 20).
Ob diese Fehler auf das Konto des Kopisten des Baumgartenberger Codex gehen
oder bereits in dessen Vorlage enthalten waren, ist ungewiss.24 Dass die Miniatur
aber auf jeden Fall eine viel ältere Komposition wiedergibt, beweisen zwei fast iden-
21 Siehe Raff, Windpersonifikationen (zit. Anm. 2), S. 151, 164; zum Windschlauch S. 141,
143. Hranitzky, Diplomarbeit (zit. Anm. 3), S. 56; Obrist, Wind Diagrams (zit. Anm. 16),
S. 83 f. (zu Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 378; siehe im Folgenden und
Anm. 18), hier auch zum Vergleich der Winde mit Wasser, das in engen Gängen zusam-
mengedrängt wird.
22 Die griechischen Bezeichnungen für die Windrichtungen im vierten Kreisring von in-
nen sind jeweils um einen Viertelkreis nach rechts verschoben. Verrutscht sind auch die
lateinischen Namen der Hauptwinde im innersten Ring, sie sollten in den Achsen der
vier Himmelsrichtungen stehen. Der Westwind Favonius fehlt hier, er wurde irrigerweise
im Nordwesten und im zweiten Kreisring über Subsolanus eingetragen. Dieser wiederum
wäre im Osten zu platzieren gewesen. Als vierter Hauptwind wurde statt Favonius der
Südwind Auster noch einmal genannt, an dessen Stelle der nach rechts gerutschte Nothus
stehen müsste. Die Nordwestwinde Argestes/Chorus und Tracias/Circius sind aus Platz-
mangel jeweils um einen Ring zu weit nach außen verschoben worden. Schließlich fehlt
der Nordostwind Calcias/Vulturnus.
23 Es wurden zum Beispiel die neben Auster dargestellten Euronothus und Euroauster mitei-
nander vertauscht, des Weiteren die neben Zephyrus wehenden Chorus/Argestes und Aff-
ricus/Lybs usw. Offenbar wurden die Angaben „rechts“ und „links“ (dextra levaque) im
Gedicht falsch interpretiert. Daher entsprechen – obwohl der Illuminator bemüht war,
die zwölf Winde farblich zu charakterisieren (vgl. auch das rosafarbene Inkarnat des Süd-
windes Auster) – die verschiedenen Farbtöne, in denen die Nebenwinde wiedergegeben
sind, nur z. T. deren im Gedicht genannten Eigenschaften. So sind die aus Nordosten
bzw. Nordwesten wehenden, miteinander vertauschten Aquilo/Boreas und Curcius/Thra-
cias zwar folgerichtig in Blau wiedergegeben, und der aus Südwest blasende Euronothus,
der im Codex im Südosten platziert ist, hat ein rosafarbenes Inkarnat; letzteres gilt aber
auch für den eigentlich im Nordwesten anzusiedelnden Chorus/Argestes (siehe oben).
24 Auf jeden Fall zeigt sich, dass der Zeichner keine genaue Kenntnis der Windrose hatte.
– Raff, Windpersonifikationen (zit. Anm. 2), S. 151 spricht von den Darstellungen der
Nebenwinde in den ihm bekannten Exemplaren des „Typs Baumgartenberg“ als von
„Mischformen“ und weist darauf hin, dass ihre Namen „in verwirrter Reihenfolge und
schlechter Orthographie“ wiedergegeben seien. Es seien „verschiedene Vorlagen (worun-
ter auch Darstellungen der Paradiesesflüsse) für dieses Bild in nicht sehr sinnvoller Weise
kompiliert“ worden.
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Titel
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Autor
- Christine Beier
- Herausgeber
- Michaela Schuller-Juckes
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Abmessungen
- 18.5 x 27.8 cm
- Seiten
- 290
- Kategorien
- Geschichte Chroniken