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Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
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150 katharina hranitzky nicht zuletzt durch ihre Platzierung in der Handschrift, darf die dritte dieser Bedeu- tungsebenen des Weltschemas als die im Vordergrund stehende angesehen werden. Diagramme der Laster und der Tugenden Der Kosmosdarstellung geht ein baumförmiges Schema voran, das durch Beischrif- ten als Baum der Laster ausgewiesen wird (fol. 3r, Abb. 4). Dessen Blätter stehen für die sieben Hauptsünden, von denen weitere Laster ableitbar sind. Der Baum, der im Hochmut wurzelt, mündet in einer großen Knospe, die für den „Alten Adam“ steht. Ein analog gestaltetes Baumschema folgt unmittelbar auf das Ende der Ge- nealogie (fol. 9v) und ist als Baum der Tugenden zu erkennen, der der Demut entwächst und dessen Knospe den „Neuen Adam“ symbolisiert. Seine nunmehr nach oben gerichteten Blätter stehen für die sieben Haupttugenden, die wiederum weitere Tugenden nach sich ziehen.32 Im Linzer Codex bilden die beiden arbores durch ihre Platzierung vor und nach dem Compendium gleichsam einen Rahmen für das Diagramm der mit der gött- lichen Schöpfung beginnenden Weltgeschichte. Sie führen dem Leser vor Augen, dass der Alte Adam, der Sünde und Tod in die Welt gebracht hat, mit dem Beginn der biblischen Geschichte gleichzusetzen ist und der Neue Adam, also Christus, der den Gläubigen erlöst und ihm das Ewige Leben schenkt,33 an deren Ende steht. Zu- gleich wird durch die Anordnung der Laster- und Tugendbäume veranschaulicht, dass sich zwischen Sünde und Erlösung, zwischen Tod und Leben, die ganze Ge- schichte der Menschwerdung Christi erstreckt, dass diese die Voraussetzung bildet für die Versöhnung des Menschen mit Gott. Diese Vorstellung wird in Cod. 490 sogar noch einmal ausdrücklich verbalisiert, nämlich in den beiden Textzeilen, die das Figürchen des zum Gekreuzigten betenden Frater Gerhardus begleiten (Abb. 2): „Dies ist die zusammengefügte Bibel von Adam bis zu Christus, damit Du den Urheber des Todes erkennst und den Spender des Lebens.“ Das letzte zusätzliche Diagramm schließlich (fol. 10r) zeigt in einer Struktur aus vier mal vier Arkaden einen weiteren Katalog von Lastern und Tugenden. Die- ser ist von oben nach unten zu lesen. In den oberen beiden Reihen stehen acht Hauptlaster und die jeweils davon ableitbaren Nebenlaster. Ganz unten sind die vier Kardinaltugenden mit den ihnen jeweils zugeordneten sekundären Tugenden aufgelistet. Als Übergang zwischen Lastern und Tugenden sind, in der dritten Bo- genreihe, sieben Paare einander entgegengesetzter Tugenden und Laster angeordnet und rot hervorgehoben – diese Reihe zeigt gleichsam auf, wie die Sünde überwun- den wird.34 32 Siehe Hranitzky, Diplomarbeit (zit. Anm. 3), S. 56–60. Tugenden- und Lasterbäume fin- den sich, in unterschiedlicher Ausformung, auch in einer ganzen Reihe von Compendia anderen Typs, siehe Fingernagel, De fructibus carnis et spiritus (zit. Anm. 2), hier ins- besondere zu der in Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 12538 vertretenen Fassung der arbores und ihrer Herleitung; zu weiteren Beispielen siehe ebd., S. 180. 33 Siehe hierzu zum Beispiel Oswald Erich: Adam-Christus (Alter und Neuer Adam), in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte I (1933), 157–167; URL: http://www.rdkla- bor.de/wiki/Adam_-_Christus_(alter_und_neuer_Adam). 34 Eine Liste von acht Hauptlastern und von diesen abhängigen Nebenlastern, die mit der
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Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
Titel
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
Autor
Christine Beier
Herausgeber
Michaela Schuller-Juckes
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-21193-8
Abmessungen
18.5 x 27.8 cm
Seiten
290
Kategorien
Geschichte Chroniken
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