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dušan Buran
den Schriftquellen nur archäologische Untersuchungen seine Existenz. Über die
Ausstattung der Klosterkirche schweigen die Quellen, auch die Visitationsproto-
kolle enthalten keinerlei Hinweise auf Verkauf oder Weitergabe von liturgischem
Mobiliar. Die Bedeutung der Abtei für die frühgotische Architektur und Skulp-
tur in der Zips konnte jedoch anhand mehrerer Sakralbauten aus der Umgebung
nachgewiesen werden, bei deren Errichtung und Ausstattung Elemente der älteren
Anlage rezipiert wurden.32 Für die Entwicklung der Retabel kann wegen der fehlen-
den Denkmäler keine vergleichbare Vorbildwirkung dokumentiert werden, doch
dürften wie in anderen europäischen Regionen33 auch in der Zips die Zisterzien-
ser ‒ trotz der kritischen Einstellung des Ordensgründers Bernhard von Clairvaux
zu Bildwerken ‒ als bedeutende Förderer christlicher Kunst aufgetreten sein und
eine wichtige Rolle in deren Entwicklung gespielt haben. Eine gute Vorstellung
nicht nur von der künstlerischen und technischen Qualität, sondern auch von den
Funktionen von Holzskulpturen in der Liturgie der Zisterzienser in der Zeit um
1300 vermittelt zum Beispiel die Ausstattung der norddeutschen Klosterkirche in
Doberan.34
Für eine relativ frühe Präsenz des Tabernakels in Kreig bzw. in dessen näherer
Umgebung lassen sich ebenfalls Argumente anführen: So stammen zwei um die
Mitte des 14. Jahrhunderts entstandene Tafeln mit je zwei weiblichen Figuren aus
St. Katharina in Kreig. Sie wurden in den 1920er Jahren in das Slowakische Nati-
onalmuseum und nach dem zweiten Weltkrieg in die Nationalgalerie überführt
(Abb. 2).35 Auch wenn sie offensichtlich jünger sind, scheint die architektonische
Struktur der Flügel im Wesentlichen die des Kreiger Tabernakels aufzugreifen, das
demnach vor Ort zugänglich gewesen ist. Drei weitere Reliefs der Heiligen Katha-
rina, Margarete und Agnes(?), die aus dem benachbarten Dorf Maldur/Podhorany
stammen und sich heute in der Ungarischen Nationalgalerie bzw. im Museum der
Bildenden Künste befinden,36 stellen einen weiteren Anhaltspunkt für eine mög-
liche lokale Produktion dar. Ihr originaler Kontext ist zwar unklar, aber sie ent-
sprechen in ihrer Funktionalität weitgehend den genannten Altarflügelreliefs. Es
könnte sich bei diesen Werken durchaus um die Reste einer geschlossenen lokalen
Entwicklung des Mediums der ganzfigurigen Heiligen im Relief handeln, die von
einem bestimmten Prototypen ‒ möglicherweise vom Kreiger Tabernakel ‒ ausging
und diese Form des liturgischen Möbels nach und nach etablierte.
32 Pomfyová, Spišský Štiavnik (zit. Anm. 29), S. 558.
33 Zur kulturgeschichtlichen Bedeutung der Zisterzienser vgl. Die Zisterzienser. Das Euro-
pa der Klöster. Ausstellungskatalog, hg. von Lothar Altringer u. a., Bonn 2017, weiterhin
insbesondere Annegret Laabs: Malerei und Plastik im Zisterzienserorden. Zum Bildge-
brauch zwischen sakralem Zeremoniell und Stiftermemoria 1250–1430. Petersberg 2000.
34 Ebd., S. 19–29, 74–84, 97–102; vgl. außerdem Norbert Wolf: Deutsche Schnitzretabel
des 14. Jahrhunderts. Berlin 2002, S. 22–39 und die Studien des jüngst erschienenen
Tagungsbandes Die Ausstattung des Doberaner Münsters. Kunst im Kontext, hg. von
Gerhard Weilandt / Kaja von Cossart, Petersberg 2018.
35 Bratislava, Slowakische Nationalgalerie, P 135–136. Vgl. Glatz, Gotické umenie (zit.
Anm. 11), S. 27–29.
36 Budapest, Magyar Nemzeti Galéria (Ungarische Nationalgalerie) bzw. Szépművészeti
Múzeum (Museum der Bildenden Künste), Inv.-Nr. 55892.1–3. Vgl. Ungarische Natio-
nalgalerie. Alte Sammlung, hg. von Miklós Mojzer, Budapest 1984, [unpag.] Kat. 13 (Gy.
Török). Die Montage des „Trios“ gemeinsam auf einer Tafel ist modern.
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Titel
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Autor
- Christine Beier
- Herausgeber
- Michaela Schuller-Juckes
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Abmessungen
- 18.5 x 27.8 cm
- Seiten
- 290
- Kategorien
- Geschichte Chroniken