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das taBErnakEl aus krEiG
gegenüberzustellen, wie dies häufiger getan wurde.66 Die repräsentative Fassaden-
wirkung in geöffnetem Zustand und die Art, wie die mittlere Figur (meistens eine
Madonna) zur Schau gestellt wird, kontrastieren mit den kargen, häufig nicht ein-
mal ornamental verzierten Rückseiten der Flügel. Es liegt nahe, dass diese leicht
transportierbaren Objekte aus Elfenbein eine Vorbildwirkung auf die Gestaltung
der Altarschreine ausübten und sowohl deren Konstruktion als auch ikonographi-
sche Leitlinien und die spezifische Inszenierung vorgaben. Doch sollte man in den
Altarschreinen nicht einfach vergrößerte Ebenbilder in anderem Material sehen:
Für deren Entwicklung, Verbreitung und Erfolg spielten weitere Faktoren eine Rol-
le, wie zum Beispiel die lokalen liturgischen Gebräuche.
Beschäftigt man sich mit der Holzskulptur bzw. der Altarkunst des 13. Jahr-
hunderts in Mitteleuropa,67 steht man immer noch weitgehend am Anfang. Aus
diesem Grund wird immer wieder auf besser dokumentierte Beispiele aus Itali-
en68 und Skandinavien69 zurückgegriffen, nicht selten auch auf jüngere Werke aus
anderen medialen Zusammenhängen. Diese Vorgehensweise ist für das Tabernakel
von Kreig versucht worden, doch stößt sie hier an ihre Grenzen. Obwohl nur in
fragmentarischem Zustand erhalten, lässt sich sagen, dass es sich bei dem Werk um
ein Unikat handelt, nicht nur in der Zips, sondern auch überregional. Von ihm auf
weitere, verlorene Werke zu schließen, erscheint angesichts der Überlieferungssi-
tuation hinsichtlich zeitgenössischer Bau- und Kunstwerke allzu optimistisch. Die
Region der Zips und zum großen Teil auch das benachbarte Kleinpolen waren
in jener Zeit kirchenpolitisch noch wenig entwickelt und man kann nicht davon
ausgehen, dass in jedem Ort eine komplett ausgestattete Kirche vorhanden war.
Nur in größeren städtischen oder kirchlichen Zentren wie Krakau/Kraków, Zipser
Kapitel/Spišská Kapitula oder in Klöstern wie der Zisterzienserabtei in Schevnyk/
66 Gyalókay, Rzeźby Marii (zit. Anm. 17), S. 142–145. Für westeuropäische Altäre siehe Les
Premiers Retables (zit. Anm. 49), S. 70 f.
67 Einen Forschungsstand zur Geschichte des mittelalterlichen Retabels zu skizzieren, wür-
de an dieser Stelle zu weit führen. Nach dem grundlegenden Werk von Joseph Braun:
Der christliche Altar in seiner geschichtlichen Entwicklung. 2 Bde., München 1924,
sorgte vor allem der einflussreiche Aufsatz von Harald Keller für Diskussionen: Der
Flügelaltar als Reliquienschrein. In: Studien zur Geschichte der europäischen Plastik.
Festschrift Theodor Müller, München 1965, S. 125–144. Die Kritik an seinen Thesen, die
voraussetzen, dass alle Altäre Reliquien enthielten, entzündete sich an der Interpretation
der Retabel des frühen 14. Jahrhunderts in Doberan und Cismar: vgl. Laabs, Malerei
und Plastik (zit. Anm. 33) und Ehresmann, The Iconography of the Cismar Altarpiece
(zit. Anm. 55). Eine ausführliche methodenkritische Diskussion bietet Wolf, Deutsche
Schnitzretabel (zit. Anm. 34), S. 11–20 und 255–305.
68 Italian Altarpieces 1250–1550. Function and Design, hg. von Eve Borsook / Fiorella Su-
perbi Gioffredi, Oxford 1994; Sible De Blaauw: Altar Imagery in Italy Before the Altar-
piece. In: The Altar and its Environment (zit. Anm. 51), S. 47–55.
69 Tångeberg, Mittelalterliche Holzskulpturen (zit. Anm 42) und ders.: Retables and Win-
ged Altarpieces from the Fourteenth Century: Swedish Altar Decorations in their Euro-
pean Context. In: The Altar and its Environment (zit. Anm. 51), S. 223–240. Zu diesen
Zusammenhängen siehe auch den jüngst erschienenen Band von Fernando Gutiérez
Baños / Justin Kroesen / Elisabeth Andersen (Hg.): The Saint enshrined: European
Tabernacle-Altarpieces, c. 1150–1400. In: Medievalia. Revista d’estudis medievals 23/1
(2020). Abb. 18: Tabernakel aus Kreig (wie
Abb. 1), geschlossener Zustand
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Titel
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Autor
- Christine Beier
- Herausgeber
- Michaela Schuller-Juckes
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Abmessungen
- 18.5 x 27.8 cm
- Seiten
- 290
- Kategorien
- Geschichte Chroniken