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distanz und nähE dEs hEiliGEn
men zum Blühen bringt und im Hohelied Salomos als eine der vielen Metaphern
dient, mit denen der Liebende die Geliebte besingt (fons hortorum, Cant 4,15).48 Im
christlichen Mittelalter wurden diese teils realen, teils imaginären „Dinge“ alle als
marianische Symbole, genauer als Prophetien der Ankunft des Messias durch den
jungfräulichen Körper Mariens gedeutet. Bei ihrer Zusammenstellung konnten
sich die Entwerfer des Bildprogramms – und an dieser Stelle war zweifellos eine
gewisse theologische Kompetenz vonnöten – auf einen reichen Fundus an Kom-
mentarliteratur, an Hymnen, an Gebeten und an geistlicher Dichtung stützen.
Die Darstellung auf dem Hinterdeckel rückt die Schriften des Alten Testaments
in den Blick, die das Christentum aus der jüdischen Bibel übernahm und der auch
das Buch der Psalmen angehörte. Die Psalmen selbst und ihr Autor David bleiben
dabei allerdings ausgeblendet – angeboten hätte sich beispielsweise, David links
unten einzufügen, als Pendant zu seinem Sohn Salomo.49 Den Entwerfern des Bild-
programms ging es an dieser Stelle wohl darum, das Buch der Psalmen nicht als
Text unter vielen, sondern gleichsam als das eigentliche Kondensat der gesamten
alttestamentlichen Prophetie zu inszenieren. Dabei legten sie den inhaltlichen Fo-
kus sehr entschieden auf die Ankündigung der Empfängnis und der Geburt Christi
durch Maria. Die im Zentrum des Rückdeckels thronende Gottesmutter wird als
das eigentliche Bindeglied präsentiert, das den alttestamentlichen Psalter mit den
neutestamentlichen Evangelien präsentiert. Bezeichnenderweise finden wir die bes-
ten Vergleichsbeispiele zur Ikonographie des Rückdeckels denn auch nicht im Be-
reich der Psalterhandschriften, sondern der Evangelienbücher: Im Krönungsevan-
geliar Vratislavs II. von Böhmen, einer Handschrift aus dem späten 11. Jahrhundert,
leiten erzählende Bilder mit Moses am brennenden Dornbusch, dem Stabwunder
Aarons, der Tempelpforte Ezechiels und der Pflanzen-Prophetie Jesajas in das Mat-
thäus-Evangelium ein (Abb. 16).50 Noch näher steht dem Bamberger Einband der
möglicherweise in Franken gefertigte Elfenbeindeckel eines Prachtevangeliars aus
dem frühen 13. Jahrhundert (Abb. 17).51 In den vier Eckmedaillons kehren zwei
der prophetischen Symbole des Psaltereinbands wieder, der Stab Aarons und das
verschlossene Tor Ezechiels (unten links und rechts), zusammen mit zwei weiteren
Zeichen für die jungfräuliche Geburt, dem brennenden und doch nicht verbren-
nenden Dornbusch, in dem Moses eine Erscheinung Gottes erblickt (Ex 3), und
48 Der Brunnen, auf den Salomo zeigt, in der Literatur zur Handschrift durchgängig als
fons signatus gedeutet (Cant. 4,12), der zu den geläufigen Metaphern aus dem Hohelied
zählt. Da der Brunnen nicht verschlossen und von Blumen umgeben ist, passt er besser
zum fons hortorum, vgl. Esther Wipfler: Fons hortorum. In: Reallexikon zur Deutschen
Kunstgeschichte, Bd. 10, München 2004, Sp. 133–140, hier: Sp. 135–136.
49 Die gängige Deutung, dass die Bilder des Einbandprogramms „den Kern der Prophetie
des Psalters […] in knapper, aber beziehungsreicher Formel zum Ausdruck“ bringen
(Klemm, Der Bamberger Psalter [zit. Anm. 18], S. 39), verfehlt insofern den entschei-
denden Punkt.
50 Prag, Národní knihovna České republiky (Nationalbibliothek), XIV A 13, Vgl. Anež-
ka Merhautová / Pavel Spunar: Kodex Vyšehradský. Korunovační evangelistář prvního
českého krále. Prag 2006.
51 Buchdeckel eines Evangeliars (frühes 13. Jahrhundert), München, Bayerische Staatsbi-
bliothek, Clm 12201b, vgl. Adolph Goldschmidt: Die Elfenbeinskulpturen aus der ro-
manischen Zeit. XI.–XIII. Jahrhundert. Berlin 1923 (Denkmäler deutscher Kunst. II.
Sektion: Plastik, 4), S. 33, Nr. 119; Steenbock, Prachteinband (zit. Anm. 4), S. 221.
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Titel
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Autor
- Christine Beier
- Herausgeber
- Michaela Schuller-Juckes
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Abmessungen
- 18.5 x 27.8 cm
- Seiten
- 290
- Kategorien
- Geschichte Chroniken