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Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
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219 distanz und nähE dEs hEiliGEn men zum Blühen bringt und im Hohelied Salomos als eine der vielen Metaphern dient, mit denen der Liebende die Geliebte besingt (fons hortorum, Cant 4,15).48 Im christlichen Mittelalter wurden diese teils realen, teils imaginären „Dinge“ alle als marianische Symbole, genauer als Prophetien der Ankunft des Messias durch den jungfräulichen Körper Mariens gedeutet. Bei ihrer Zusammenstellung konnten sich die Entwerfer des Bildprogramms – und an dieser Stelle war zweifellos eine gewisse theologische Kompetenz vonnöten – auf einen reichen Fundus an Kom- mentarliteratur, an Hymnen, an Gebeten und an geistlicher Dichtung stützen. Die Darstellung auf dem Hinterdeckel rückt die Schriften des Alten Testaments in den Blick, die das Christentum aus der jüdischen Bibel übernahm und der auch das Buch der Psalmen angehörte. Die Psalmen selbst und ihr Autor David bleiben dabei allerdings ausgeblendet – angeboten hätte sich beispielsweise, David links unten einzufügen, als Pendant zu seinem Sohn Salomo.49 Den Entwerfern des Bild- programms ging es an dieser Stelle wohl darum, das Buch der Psalmen nicht als Text unter vielen, sondern gleichsam als das eigentliche Kondensat der gesamten alttestamentlichen Prophetie zu inszenieren. Dabei legten sie den inhaltlichen Fo- kus sehr entschieden auf die Ankündigung der Empfängnis und der Geburt Christi durch Maria. Die im Zentrum des Rückdeckels thronende Gottesmutter wird als das eigentliche Bindeglied präsentiert, das den alttestamentlichen Psalter mit den neutestamentlichen Evangelien präsentiert. Bezeichnenderweise finden wir die bes- ten Vergleichsbeispiele zur Ikonographie des Rückdeckels denn auch nicht im Be- reich der Psalterhandschriften, sondern der Evangelienbücher: Im Krönungsevan- geliar Vratislavs II. von Böhmen, einer Handschrift aus dem späten 11. Jahrhundert, leiten erzählende Bilder mit Moses am brennenden Dornbusch, dem Stabwunder Aarons, der Tempelpforte Ezechiels und der Pflanzen-Prophetie Jesajas in das Mat- thäus-Evangelium ein (Abb. 16).50 Noch näher steht dem Bamberger Einband der möglicherweise in Franken gefertigte Elfenbeindeckel eines Prachtevangeliars aus dem frühen 13. Jahrhundert (Abb. 17).51 In den vier Eckmedaillons kehren zwei der prophetischen Symbole des Psaltereinbands wieder, der Stab Aarons und das verschlossene Tor Ezechiels (unten links und rechts), zusammen mit zwei weiteren Zeichen für die jungfräuliche Geburt, dem brennenden und doch nicht verbren- nenden Dornbusch, in dem Moses eine Erscheinung Gottes erblickt (Ex 3), und 48 Der Brunnen, auf den Salomo zeigt, in der Literatur zur Handschrift durchgängig als fons signatus gedeutet (Cant. 4,12), der zu den geläufigen Metaphern aus dem Hohelied zählt. Da der Brunnen nicht verschlossen und von Blumen umgeben ist, passt er besser zum fons hortorum, vgl. Esther Wipfler: Fons hortorum. In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. 10, München 2004, Sp. 133–140, hier: Sp. 135–136. 49 Die gängige Deutung, dass die Bilder des Einbandprogramms „den Kern der Prophetie des Psalters […] in knapper, aber beziehungsreicher Formel zum Ausdruck“ bringen (Klemm, Der Bamberger Psalter [zit. Anm. 18], S. 39), verfehlt insofern den entschei- denden Punkt. 50 Prag, Národní knihovna České republiky (Nationalbibliothek), XIV A 13, Vgl. Anež- ka Merhautová / Pavel Spunar: Kodex Vyšehradský. Korunovační evangelistář prvního českého krále. Prag 2006. 51 Buchdeckel eines Evangeliars (frühes 13. Jahrhundert), München, Bayerische Staatsbi- bliothek, Clm 12201b, vgl. Adolph Goldschmidt: Die Elfenbeinskulpturen aus der ro- manischen Zeit. XI.–XIII. Jahrhundert. Berlin 1923 (Denkmäler deutscher Kunst. II. Sektion: Plastik, 4), S. 33, Nr. 119; Steenbock, Prachteinband (zit. Anm. 4), S. 221.
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Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
Titel
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
Autor
Christine Beier
Herausgeber
Michaela Schuller-Juckes
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-21193-8
Abmessungen
18.5 x 27.8 cm
Seiten
290
Kategorien
Geschichte Chroniken
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