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daVid Ganz
Psalter war es dagegen den Beterinnen vor dem Buch aufgetragen, die stumm vor-
gewiesenen Symbole zum Sprechen zu bringen.
Wie schon der Vorderdeckel lud auch der Rückdeckel durch die Themen und
die Anordnung seiner Bilder dazu ein, Gebete vor dem noch verschlossenen Buch
zu verrichten. Enge Parallelen bestehen dabei zu Mariengebeten in lyrischer Form,
die im Hochmittelalter in zahlreichen Varianten abgefasst wurden – der bekanntes-
te Vertreter dieser Gattung ist die Lauretanische Litanei.54 Typisch für diese Texte
ist der Aufbau in einer Reihung von Anrufungen, mit denen sich die Beterin oder
der Beter an Maria als „Du“ wenden, und ihr durch einen schier unerschöpflichen
Fundus von Titeln, Beinamen und metaphorischen Epitheta die Ehre erweisen
konnte. Wie Gilles-Gérard Meersseman ausführt, waren sowohl die langen, aus 150
Strophen aufgebauten Marienpsalter wie auch die kürzeren Marienhymnen und
-litaneien in Frömmigkeitspraktiken eingebunden, die an das reguläre Psalterbeten
anschließen, dieses aber auch überlagern oder ersetzen konnten.55
Der reiche Fundus an Marienmetaphern, den man in den Gebetstexten der
Zeit antrifft, wurde auf dem Bamberger Buchdeckel mit bemerkenswerter Strenge
in eine kompakte und formal „gebundene“ Form gebracht. Auffällig ist der kon-
sequente Parallelismus der vier Eckbilder: Er ermöglichte es dem Maler, visuelle
„Reime“ (die virgae im oberen Register) und visuelle „Antithesen“ (die verschlos-
sene porta und der strömende fons) zu bilden. War dabei generell das Bildfeld des
Wachsens und Blühens vorherrschend, machte die verschlossene Tür des Ezechiel
auf das Paradox und damit auf das Mysterium des jungfräulichen Körpers von
Maria aufmerksam.
Das Buch als Leuchte
Damit können wir zu einem kurzen Fazit kommen: Die gängige Erklärung zum
Aufkommen der Hornplatteneinbände bestätigt sich am Bamberger Psalter nicht.
Es handelt sich nicht um eine Imitation liturgischer Prachteinbände in preiswerter
Ausführung. Anleihen bei den Prachteinbänden beschränken sich auf einige geziel-
te Übernahmen, die dem Psalter eine visuelle Aura von Heiligkeit verleihen sollten.
Sehr gezielt haben die Entwerfer und der Hauptmaler des Psalters aber auch jene
Möglichkeiten genutzt, die der Einsatz von Malerei auf den Außenseiten eines Bu-
ches bot. Sehr viel mehr als die kostbaren Materialien der Prachteinbände lud die
Deckfarbenmalerei unter den durchsichtigen Hornplatten dazu ein, ein Verhältnis
der Nähe zu den Bildern herzustellen. Anders als die Bilder im Inneren des Buches,
die mit dünnen Stofftüchern abgedeckt wurden, waren die Bilder auf den Außen-
seiten durch die Hornplatten so gut geschützt, dass die Benutzerinnen des Psalters
sie problemlos berühren konnten. Während sich moderne Betrachter durch die
transparente Oberfläche der Hornplatten an den Blick durch ein Fenster erinnern
können, lag für sie vermutlich die Assoziation einer mit Horn ummantelten La-
terne näher: Einer Leuchte also, die von innen heraus strahlte und ihr Licht durch
54 Zu einer Sammlung dieser Texte vgl. Gilles-Gérard Meersseman: Der Hymnos Akathis-
tos im Abendland. 2 Bde., Fribourg 1958/60 (Spicilegium Friburgense 2/3).
55 Vgl. ebd., Bd. 2, S. 6–28.
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Titel
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Autor
- Christine Beier
- Herausgeber
- Michaela Schuller-Juckes
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Abmessungen
- 18.5 x 27.8 cm
- Seiten
- 290
- Kategorien
- Geschichte Chroniken