Seite - 110 - in WAS BITS UND BÄUME VERBINDET - Digitalisierung nachhaltig gestalten
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DEN NACHHALTIGEN KONSUM IM E COMMERCE
MIT POLITISCHER FÖRDERUNG UND
WISSENSCHAFTLICHER EXPERTISE VORANBRINGEN
Beide Beispiele zeigen, welche Chancen und Risiken
es im E-Commerce für einen nachhaltigen Konsum
gibt. Neben nachhaltigkeitsorientierten Unterneh-
men und bewusst konsumierenden Verbraucher*in-
nen sind deswegen insbesondere politische Rahmen-
bedingungen zur Steuerung dieser Transformation
notwendig. Dazu gehört für alle Bereiche der Digita-
lisierung eine Aktualisierung des Kartell- und Wett-
bewerbsrechts, um angemessen auf die Risiken durch
neue und mit der Digitalisierung einhergehende For-
men von Marktmacht zu reagieren. Dies betrifft bei-
spielsweise die Möglichkeit,
Daten aus unterschied-
lichen Geschäftsbereichen
zu verschneiden. Es betrifft
aber auch die vergleichs-
weise einfache Möglichkeit,
von einer quasimonopolis-
tischen Plattform aus in andere Geschäftsfelder zu
expandieren, und natürlich auch die ungleich größe-
re Bedeutung von Skalen- und Netzwerkeffekten in
der digitalen Ökonomie. Zugleich muss die Arbeits-
gesetzgebung angepasst werden, um die in der Platt-
formökonomie verbreiteten Formen der (Schein-)
Selbstständigkeit besser zu regulieren. Außerdem
sollten rechtliche Regelungen entwickelt werden, die
die Vernichtung oder das Downcycling von Retouren
verbieten oder zumindest den Umfang verringern.
Weiterhin könnten E-Commerce-Plattformen zu
einer Ausweitung der Informationen über Umwelt-
und Nachhaltigkeitsaspekte ihres Angebots verpflich-
tet werden. Dies betrifft auch die Produktpräsentation,
denn mit Suchmöglichkeiten und Filterfunktionen
wären nachhaltige Alternativen besser auffindbar. Diese Informationspflicht sollte Hand in Hand gehen
mit strengeren Regeln für die Produkte selbst – von
einer Ausweitung der Öko-Design-Richtlinie über
höhere gesetzliche Standards in der Tierhaltung bis
hin zu verbindlichen menschenrechtlichen Sorgfalts-
pflichten für die gesamte Wertschöpfungskette. Zum
besseren Wissen gehört auch die Selbstbestimmung,
insbesondere angesichts der Menge an Algorithmen,
die das Ziel haben, aus Internetnutzer*innen in ers-
ter Linie Käufer*innen zu machen. Derzeit traut sich
nur ein Drittel der Bevölkerung zu, Werbeanzeigen im
Internet sicher identifizieren zu können6 – und dabei
handelt es sich hier um die offensichtlichste Form der
Verbraucherbeeinflussung.
Nicht zuletzt deshalb bleiben spannende Fragen
für die zukünftige Forschung offen. Welche neuen
Möglichkeiten der Beeinflussung von Konsument*in-
nen ergeben sich durch die Digitalisierung, und wie
können diese Möglichkeiten für die Förderung von
nachhaltigen und suffizienten Konsumstilen einge-
setzt werden? Wie bewerten Kund*innen die Ansätze
zur nachhaltigen Gestaltung des E-Commerce, und
welche weiteren Maßnahmen sind denkbar und akzep-
tiert? Welche Formen der politischen Steuerung sind
sowohl notwendig als auch realistisch umsetzbar?
Die hier vorgestellten Strategien bieten praktische
Ansatzpunkte und Inspirationen für die nachhaltige
Gestaltung des E-Commerce. Das Beispiel Avocado-
store zeigt, dass selbst gewinnorientierte Unterneh-
men glaubwürdig Verantwortung für minimalisti-
schen und reduzierten Konsum übernehmen können,
ohne dadurch Kund*innen zu verlieren oder Reputa-
tionsrisiken einzugehen. Das Beispiel Amazon zeigt,
dass auch die konventionellen Anbieter nachhaltiger
werden müssen, da sie rein quantitativ den größten
Einfluss
auf
das
Ausmaß
der
ökologischen
und
sozialen
Auswirkungen haben. }
DIE AUTORINNEN
/// Maike Gossen ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung und an der TU Berlin. https://ioew.de
/// Dr. Nele Kampffmeyer ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Öko-Institut im Bereich Umweltrecht und Governance. https://oeko.de/
LITERATUR
/// 1 HDE (Handelsverband Deutschland). Handel digital: Online-Monitor 2018.
https://einzelhandel.de/index.php?option=com_attachments&task=download&id=9449 (2018).
/// 2 Gossen, M., & Schrader U. Welche Potenziale die Digitalisierung für ein suffizienzförderndes Marketing bringt. Ökologisches Wirtschaften 33,
8–9 (2018).
/// 3 Gossen, M., & Frick V. Brauchst du das wirklich? Wahrnehmung und Wirkung suffizienzfördernder Unternehmenskommunikation.
Umweltpsychologie 22(2), 11–32 (2018).
/// 4 HDE (2018).
/// 5 Statista. Marktanteile der VoD-Anbieter in Deutschland.
https://de.statista.com/infografik/12214/marktanteile-der-vod-anbieter-in-deutschland/ (2017).
/// 6 Kantar TNS. D 21 Digitalindex 2017/2018. Jährliches
Lagebild zur Digitalen Gesellschaft (2018).
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Zum besseren Wissen
gehört auch die
Selbstbestimmung.
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WAS BITS UND BÄUME VERBINDET
Digitalisierung nachhaltig gestalten
- Titel
- WAS BITS UND BÄUME VERBINDET
- Untertitel
- Digitalisierung nachhaltig gestalten
- Autor
- Anja Höfner
- Herausgeber
- Vivian Frick
- Verlag
- oekom verlag
- Ort
- München
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-SA 3.0
- ISBN
- 978-3-96238-149-3
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 152
- Schlagwörter
- Digitalisierung, Entwicklungszusammenarbeit, Politik, Ressourceneffizienz, Nachhaltigkeitskommunikation
- Kategorien
- Informatik
- Technik