Seite - 210 - in Botanik und Zoologie in Österreich - In den Jahren 1850 bis 1900
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210 R- V. Wettstein.
geklärt, deren Alter so weit zurückreicht, dass weder die heutige Verbreitung,
noch die richtige Erkenntnis des Zweckes der Orgcane und ihrer Theile uns
Anhaltspunkte für die Beurtheilung ihrer systematischen Stellung abgeben.
Das Studium der Kryptogamen hat uns in früher nie geahnter Weise
über jene Pflanzenformen aufgeklärt, unter denen wir die ersten Stufen
pflanzlicher Organisation, die Ebenbilder der Vorfahren unserer höchst ent-
wickelten Pflanzen suchen möchten.
Die durch Kerner inaugurierte Richtung der Systematik mit ihrem
streng inductiven Vorgange durch unvoreingenommene Constatierung der
zur Beobachtung gelangenden Formen hat den Boden für einen neuen Aufbau
des Systems vorbereitet.
Schliesslich ist nicht zu vergessen, dass die Verbesserung der optischen
Hilfsmittel, der Präparationsmethoden, der Züchtungsverfahren uns Werkzeuge
in die Hand gibt, deren richtiger Gebrauch einen viel tieferen Einblick er-
möglicht, als es ehedem der Fall war. Es fehlt nicht an Anzeichen dafür,
dass die botanische Systematik im Begriffe steht, all diese ihr nun zu Gebote
stehenden Hilfsmittel zu einem neuen Aufschwünge, zu einer neuerlichen An-
näherung an ihr Ziel, der Klarstellung der entwicklungsgeschichtlichen Be-
ziehungen der Pflanzen, zu verwerten.
Wenn daher A. Engler vor etwa 15 Jahren den Versuch unternahm,
in Verbindung mit zahlreichen Fachgenossen eine Neubearbeitung des Pflanzen-
reiches anzubahnen, so schwebte ihm wohl das Ziel vor, durch Zusammen-
fassung der Ergebnisse all der genannten Disciplinen und Methoden zu einer
neuen Darstellung des Pflanzensystems zu gelangen. Die Theilnahme einer
Reihe österreichischer Botaniker an der Bearbeitung des so geschaffenen
Monumentalwerkes, der „Natürlichen Pflanzenfamilien", zeigt, dass auch diese
sich gerne in den Dienst einer solchen Aufgabe stellten. So bearbeitete
G. V. Beck die Orohanckaceae, K. Fritsch die Gesneriaceae, Cajmfoliaceae und
Adoxaceae, E. Hackel die Gramineae, A. Heimerl die Nydaginaceae und
Phytolaccaceae, F. Krasser die 2Ielastoniaceae, M. Kronfeld die Äquifolia-
ceae, E. Raimann die Onagraceae und Hydromryaceae, J. v. Szyszytowicz
die Tiliaceae, Caryacaraceae und Marcgraviaceae, 0. Stapf die Pedaliaceae und
llartyniaceae, R. v. Wettstein die ScropJiulariaceae, Solanaceae, Nolanaceae,
Myoporaceae und Glohulariaceae, V. Schiffner und A. Zahlbruckner be-
theiligten sich an der Bearbeitung der Kryptogamen. Der Geburt nach kann
auch F. Pax (geb. zu Königinhof), der zahlreiche Familien in dem Werke
bearbeitete und auch sonst durch eine grosse Zahl systematischer Arbeiten
sich hervorthat, als Oesterreicher bezeichnet werden.
Wenn man nun auch nicht sagen kann, dass das fertig vorliegende
Werk schon dem hohen Ziele entspricht— es ist dies bei der Natur des-
selben natürlich unmöglich— so muss doch anerkannt werden, dass es uns
in glänzendster Weise zeigt, welch wesentliche Vertiefung die Systematik in
den letzten Jahrzehnten erfahren hat, dass es in Deutschland und Oesterreich
wieder einen Stab systematisch geschulter Botaniker geschaffen hat.
In Oesterreich speciell zeigte sich in den letzten Jahrzehnten der Beginn
eines neuen Aufschwunges der Systematik in dem oben erwähnten Sinne in
Botanik und Zoologie in Österreich
In den Jahren 1850 bis 1900
- Titel
- Botanik und Zoologie in Österreich
- Untertitel
- In den Jahren 1850 bis 1900
- Autor
- Alfred Hölder
- Herausgeber
- K. K. ZOOLOGISCH-BOTANISCHEN GESELLSCHAFT
- Ort
- Wien
- Datum
- 1901
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 14.3 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Naturwissenschaften Biologie