Seite - 321 - in Botanik und Zoologie in Österreich - In den Jahren 1850 bis 1900
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Geschichte der Zoologie. 321
mannstand bestimmt und erhielt eine dementsprechende Erziehung-. Seine
Vorliebe für die Lepidopterolog-ie bewogen ihn bald seinen bisherigen Beruf
aufzugeben und sich ganz seiner Neigung zu widmen. Er trat bereits im
Jahre 1852 mit einem „Versuch, die europäischen Lepidopteren in möglichst
natürliche Reihenfolge zu stellen" '^j hervor, der, auf den Vorarbeiten Herrich-
Schäffers und Boisduvals fussend, manche glückliche Neuerung brachte
und durch seine leichte Uebersichtlichkeit bald zur weiteren Anerkennung ge-
laugte. Lederer erblickte die Hauptaufgabe des Systematikers darin, die
natürliche Verwandtschaft der Formen zu erforschen, „nahe verwandte Arten
auch möglichst nahe zu einander zu stellen", wozu ihm das Flügelgeäder
allein jedoch nicht ausreichend schien. Er verwertete daher mit richtigem
Scharfblick in Gruppen, wo das Geäder zu Gattungsunterscheidungen versagte,
andere, bisher unbeachtet gebliebene morphologische Charaktere, wie Bewaff-
nung der Beine, Bewimperung der Augen u. s. w. Nebstbei legte er aber
auch ein besonderes Gewicht auf den Totalhabitus des Thieres und griff wieder-
holt nach dem Vorbilde der Theresianer auch auf die ersten Stände als Unter-
scheiduugsmittel zurück.
War sein „Versuch", welcher nur bis zum Schluss der Bombyciden im
alten Sinne reichte, eigentlich ohne eingehende Begründung veröffentlicht
worden, so bedeuteten die als Fortsetzung publicierten „Spanner"^) einen
wesentlichen Fortschritt, indem Lederer hier bereits genaue Gattungsdia-
gnosen und Bestimmungstabellen für Gruppen und Genera gibt. Seine Meister-
leistung auf systematischem Gebiete bleiben jedoch die 1857 selbständig
erschienenen „Noctuiden Europas"^). Die Schärfe der darin gegebenen Dia-
gnosen für die Gattungen, von welchen fast ein Fünfttheil (30) neu aufgestellt
werden, ist unübertroffen und hat zu ihrer dauernden Anerkennung geführt.
Bald darauf versuchte sich Lederer auch mit einer „Classification der
europäischen Tortricinen"^), deren Systematik er durch Herausgreifen einiger
natürlicher Gattungen wesentlich förderte, ohne jedoch im ganzen zu einem
so befriedigenden Resultate wie bei den Noctuiden zu gelangen. Als letzte
rein systematische Arbeit erschien der umfangreiche „Beitrag zur Kenntnis
der Pyralidinen"^), welcher eine ganz hervorragende Bedeutung dadurch be-
sitzt, dass sich Lederer hier nicht auf die europäische (paläarktische) Fauna
beschränkte, sondern die ihm bekanntgewordenen Pyraliden aller Faunen-
gebiete systematisch bearbeitete. Mag auch Lederer hier in der Abgrenzung
der Gattungen zuweilen die natürliche Verwandtschaft verkannt haben, so
bildet seine Arbeit doch einen wesentlichen Fortschritt gegen Guenees
„Deltoides et Pyralites" (Paris 1854). Die organischen Merkmale sind bei
Lederer fast durchaus correct angegeben, und schon von diesem Standpunkte
aus waren seine „Pyralidinen" die Basis für die modernen Revisionsarbeiten
Ragonots (1891) und Hampsons (1895—1898).
Ausser den Tineiden im weiteren Sinne und den Pterophoriden blieb
demnach keine der grösseren Lepidopterengruppen, wenigstens für die palä-
arktische Fauna, durch Lederer unbearbeitet. Seine systematischen Neue-
1) ZBG. 1852. — 2) ZBG. 1853, mit 2 Taf. — »j Wien, Manz, 1857, mit 4 Tat. — *; WEM.
Bd. III, 1859, mit Taf.— s) WEM. Bd. VII, 1863, mit 17 Taf.
Botanik und Zoologie in Oesterreicb 1850—19(10. ^^
Botanik und Zoologie in Österreich
In den Jahren 1850 bis 1900
- Titel
- Botanik und Zoologie in Österreich
- Untertitel
- In den Jahren 1850 bis 1900
- Autor
- Alfred Hölder
- Herausgeber
- K. K. ZOOLOGISCH-BOTANISCHEN GESELLSCHAFT
- Ort
- Wien
- Datum
- 1901
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 14.3 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Naturwissenschaften Biologie