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dieses Geschehens. Die Corona-Pandemie ist ein akutes Problem. Am
zweiten Weihnachtsfeiertag 2019 wurde das neue Virus in China entdeckt.
Nicht einmal einen Monat später wurde die chinesische Stadt Wuhan mit
ihren über acht Millionen Einwohnern zum Zweck des allgemeinen Ge-
sundheitsschutzes abgeriegelt. Dies stellt zumindest aus westlicher Sicht
den massenmedialen Anfangspunkt der Corona-Krise dar. Die Ausbrei-
tung nach Europa dauert nicht einmal vier Wochen. Am 15. Februar 2020
ereignete sich in Frankreich der erste Todesfall, der mit dem neuen Virus
in Verbindung gebracht wurde. Neun Tage später wurden in Italien meh-
rere Städte abgeriegelt – ein für mitteleuropäische Verhältnisse ungeheures
Vorgehen. Am 10. März verkündete die österreichische Bundesregierung
erste Schutzmaßnahmen, die immer tiefer in das öffentliche Leben eingrif-
fen. Von der ersten allgemein wahrnehmbaren Berichterstattung bis zu
den ersten spürbaren Einschränkungen in Mitteleuropa vergingen gerade
einmal vier (Italien) bzw. gut sechs Wochen (Österreich).
Kennzeichnend für die Zeitstruktur der Pandemie ist ferner, dass sie
vermutlich, zumindest in Mitteleuropa, ein relativ klares Ende haben wird:
durch Immunisierungseffekte, die voraussichtlich binnen weniger Jahre
eine Herdenimmunität entstehen und die Zahl der Neuerkrankungen auf
ein durchschnittliches Grippeniveau fallen lassen, sowie insbesondere
durch die Entwicklung von Impf- oder Heilmitteln, die für das kommende
Jahr erwartet werden.
Abgesehen von der zeitlichen Verdichtung besitzt die Corona-Pandemie
eine ungewöhnliche Sichtbarkeit. Das Virus selbst hat ein Bild bekommen,
das man in beinahe jeder Nachrichtensendung und in jeder Internetmel-
dung sehen kann: eine Kugel mit Stacheln, die wie eine Spielfigur aus-
sieht. Wichtiger indes sind die öffentlich augenfälligen Zeichen der Pande-
mie: Warn- und Verhaltenshinweise, Desinfektionsmittel und allen voran
die Gesichtsmasken. Was bis vor kurzem nur aus ostasiatischen Ländern
bekannt war und hierzulande leicht unter ein Vermummungsverbot hätte
fallen können, wird nun zur Selbstverständlichkeit,3 gar zur Pflicht. Mund
und Nase sind zu bedecken. Das Signum des Bankräubers wird zum Em-
blem des sorgsamen Mitbürgers.
3 Die alltägliche Normalität zeigt sich in einer marktwirtschaftlich organisierten Ge-
sellschaft vermutlich am klarsten darin, dass Masken sehr rasch erst zu einer nor-
malen Ware und dann gemäß den Gesetzen der Mode zum Accessoire aufgewertet
wurden; vgl. Schneider, Mode und Mundschutz. Einfache und vertrackte Probleme
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik