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seits mit hohem Ressourcenverbrauch und enormen Treibhausgasemissio-
nen verbunden. Würde die Mobilität deutlich zurückgefahren und die
weitere Verstädterung gestoppt, könnte das dem Klima gut- und den Viren
schlechttun.
Corona-Krise und Klimakrise haben beide räumlich globale Ausmaße
und zeitlich langfristige Dauer. Denn auch wenn eine konkrete Pandemie
irgendwann von selbst oder durch menschliches Zutun verschwindet,
kommt die nächste bestimmt, solange sich an den Rahmenbedingungen
nichts ändert. Mit der Globalisierung hat die Menschheit den Boden für
Pandemien ideal bereitet. Den raumzeitlichen Ausmaßen der beiden Kri-
sen entspricht aber auch das Erfordernis, dass zu ihrer Lösung weltweite
Solidarität und Kooperation aufgebaut werden – über Generationen hin-
weg. Mit ein paar marginalen Aktionen ist es nicht getan. Vielmehr geht es
um das globale Allmende-Problem: Ein einzelnes Land oder eine einzelne
Generation hat mehr davon, wenn sie sich unsolidarisch verhält. Wenn
aber alle nur auf den eigenen Vorteil schauen, hat am Ende keiner etwas
davon. Eine Schmarotzer-Nation oder ‑Generation muss also darauf speku-
lieren, dass alle anderen nicht schmarotzen. Das gilt beim Bestellen von
Atemschutzmasken oder Schutzkleidung und beim Entwickeln eines
Impfstoffs ebenso wie beim Einsatz für wirksamen Klimaschutz.
Schließlich führen uns beide Krisen sehr deutlich die Verletzbarkeit
einer durchrationalisierten Ökonomie vor Augen: Sie legt keine Reserven
an, weder an Schutzmasken, Schutzkleidung und Beatmungsplätzen in
Krankenhäusern noch an finanziellen Rücklagen in Betrieben oder Famili-
en. Alles ist „auf Kante genäht“. Ein Großteil der Resilienz kommt in sol-
chen Ökonomien vom Sozialstaat, der Unternehmen ebenso wie Einzel-
personen mit gigantischen Finanzspritzen aufhilft (siehe dazu den nächs-
ten Abschnitt). Das kann aber nur ein reicher und gut funktionierender
Staat, denn nur ein solcher erhält auf den Finanzmärkten entsprechende
Geldmengen auf Kredit. Ärmere Länder sind zu dieser Art der Resilienz
nicht in der Lage. Und selbst ein reicher Staat kann mit all seinem Geld
nur das kaufen, was auf den Märkten vorhanden ist. Wochenlang waren
nicht genügend Beatmungsgeräte und medizinische Schutzmasken verfüg-
bar – und Wochen sind in einer Pandemie eine Ewigkeit.
Die Klimakrise zeigt die Verletzbarkeit der durchrationalisierten Öko-
nomie auf andere Weise, aber nicht weniger deutlich: So verliert die Land-
wirtschaft in den letzten Jahren durch die anhaltende Trockenheit einen
erheblichen Teil der Ernte. Die Forstwirtschaft erlebt nicht nur das Abster-
ben der Bäume auf Grund von Dürre und Hitze, sondern muss auch noch
enorme Wurfschäden durch häufigere Stürme ertragen. Hochwasser und
Stürme zerstören Häuser, Industriebetriebe, die Oberleitungen von Bahn-
Zweieiige Zwillinge. Corona und die Umweltkrise
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik