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französischen Philosophen Michel Foucault befinden.2 Diese Verstärkung
betrifft zwei auf den ersten Blick konträre Ansatzpunkte und Wirkungen.
Der erste Punkt betrifft die verstärkte Legitimierung und Umsetzung von
Umverteilungs- und Solidaritätsmaßnahmen, der zweite eine gesteigerte
Entsolidarisierung gegenüber vulnerablen und alten Bevölkerungsteilen.
Es kommt nach der im Folgenden vorgestellten These potentiell zur ver-
stärkten Ausbildung einer bestimmten Form von Humanität bzw. Solida-
rität, die für (idealtypische) biopolitische Staaten charakteristisch ist, bei
möglicherweise gleichzeitigem Abbau von Schutz für die Gefährdetsten,
gemäß der Foucault’schen Formel der Biopolitik als „Lebenmachen und
Sterbenlassen“ (le droit de faire vivre et de laisser mourir).3 Beide Effekte sind
im Grunde einfach die durch die Gunst der Stunde genützte verstärkte An-
wendung bestehender biopolitischer (bzw. gouvernementaler) Haupttakti-
ken der staatlich-institutionellen Transformationen. Um den Argumentati-
onskreis zu schließen, beginnt der Beitrag mit einer Skizze dessen, worin
die biopolitische Transformation der Gesellschaft besteht, gefolgt von
einer kurzen Darstellung ihrer Haupttaktiken und -techniken, deren ur-
sprüngliche Legitimation auch in biologischen Bedrohungen der Bevölke-
rung zu verorten ist.
… d’augmenter leur santé:4 Die Transformation des Individuums und des
Staates
„Wir leben im Zeitalter der Gouvernementalität,
die im 18. Jahrhundert entdeckt wurde.“5
Michel Foucault, 1978
Michel Foucault hat in seinen bekannten Machtanalysen der 1970er Jahre
die Transformation der institutionellen und öffentlich-staatlichen Struktu-
ren und der Regierungstechniken seit dem 17. Jahrhundert als Ausdruck
einer Biomacht (bio-pouvoir) bzw. Biopolitik (bio-politique) gedeutet, als ein
umfassendes Phänomen, welches in einer „allgemeinen Medikalisierung
des Daseins“ besteht:
2.
2 Vgl. Stronegger, Legitimität.
3 Foucault, Société, 214.
4 Dt.: „… ihre Gesundheit zu mehren“; Foucault, Sicherheit, 158.
5 Foucault, Sicherheit, 164.
Willibald J. Stronegger
214
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik