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und geht in jenem der sogenannten „gouvernementalen Vernunft“8 auf:
„Wenn man also verstanden hat, was dieses Regierungssystem ist, das Libe-
ralismus genannt wird, dann, so scheint mir, wird man auch begreifen
können, was die Biopolitik ist“.9
Was ist bei Foucault die „gouvernementale Vernunft“, die Gouverne-
mentalität? Sie tritt in den sozialen und politischen Veränderungen des
18. Jahrhunderts in Erscheinung, im „Übergang von einem Regime, das
durch die Strukturen der Souveränität beherrscht ist, zu einem Regime,
das durch die Techniken des Regierens beherrscht ist […]“, und der Über-
gang tritt „im Kontext der Bevölkerung ein und folglich im Kontext der
Geburt der politischen Ökonomie“,10 denn die Bevölkerung als natürliche
Gegebenheit (d.h. nicht als eine Menge juridischer Subjekte, sondern als
natürliche Entität, die statistisch vermessen wird), tritt „als der höchste
Zweck der Regierung zutage“. Was aber, so fragt Foucault weiter, mag
nun im Grunde genommen der Zweck dieser Regierung der Bevölkerung
sein? „Sicherlich nicht zu regieren, sondern das Geschick der Bevölkerun-
gen zu verbessern, ihre Reichtümer, ihre Lebensdauer, ihre Gesundheit zu
mehren. […] Eher als die Macht des Souveräns erscheint die Bevölkerung
also als Ziel und Instrument der Regierung.“11
Auf welche Weise funktioniert eine Regierung der Bevölkerung, die es
also nicht primär mit Rechtssubjekten als ihren Zielobjekten zu tun hat,
sondern mit den „natürlichen“ Zuständen der Menschen und ihrer bevöl-
kerungsmäßigen Anhäufung? Ansatzpunkt einer solchen Regierung ist das
„Interesse“: „Das Interesse als Bewusstsein jedes einzelnen Individuums,
das mit den übrigen die Bevölkerung bildet, und das Interesse als Interesse
der Bevölkerung […] sind die Zielscheibe und das Hauptinstrument der
Regierung der Bevölkerungen. Die Geburt einer Kunst oder jedenfalls die
Geburt völlig neuer Taktiken und Techniken“.12 Diese Regierungstechni-
ken der Bevölkerung erfordern zur rationalen Ausübung die Bildung eines
neuartigen Wissens über alle die Vorgänge, die im realen Leben in den Be-
8 Der Begriff Gouvernementalität ist die deutsche Form des frz. „gouvernementali-
té“, letzteres abgeleitet aus „gouvernemental“ (wie „spatialité“ aus „spatial“); vgl.
Foucault, Geburt, 482. Der Begriff dient bei seiner Einführung in der 4. Sitzung
der Vorlesung 1978 dazu, „das im 18. Jahrhundert installierte Machtsystem zu be-
nennen, das ‚als Hauptzielscheibe die Bevölkerung, als wichtigste Wissensform
die politische Ökonomie und als wesentliches technisches Instrument die Sicher-
heitsdispositive hat‘“, Foucault, Geburt, 482.
9 Foucault, Geburt, 43.
10 Foucault, Sicherheit, 159.
11 Foucault Sicherheit, 158.
12 Foucault, Sicherheit, 158f.
Willibald J. Stronegger
216
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik