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völkerungen ablaufen: „nämlich über genau das, was man ‚Ökonomie‘
nennt“.13 Mit dem Auftreten der Bevölkerung als eines neuen Subjekts
(und Objekts) hatte sich die „politische Ökonomie“ als neue Wissenschaft
bilden können, zugleich mit „dem Feld der Ökonomie und der Bevölke-
rung“ als des neuen Interventionsbereichs des Regierens.
Einen Staat zu regieren wird also heißen, die Ökonomie anzuwenden,
eine Ökonomie auf der Ebene des Staates als Ganzem, das heißt, man
wird, was die Einwohner, die Reichtümer, das Verhalten aller und je-
des einzelnen betrifft, eine Form von Überwachung und Kontrolle
ausüben, die nicht weniger aufmerksam ist als die des Familienvaters
über die Hausgemeinschaft und ihre Güter.14
Die ubiquitäre Überwachung und Kontrolle des Individuums entspringt
bei Foucault einer auf den Einzelnen gerichteten Regierungstechnologie,
welche er in Bezugnahme auf ihren Ursprung in den Seelsorgetechniken
der christlichen Kirchen als christliches Pastorat oder Pastoralmacht bezeich-
nete. Die Hauptfunktion des Pastorats ist es, so wie ein „guter Hirte“, de-
nen, „über die man wacht, Gutes zu tun“. Der Zweck dieser Form der
Macht liegt darin, „die Individuen zu zwingen, ihre Arbeitsleistung, ihre
Kräfte, ihre Fähigkeiten zu steigern, kurz, alles das zu erhöhen, was für
ihre Verwendung im Produktionsapparat der Gesellschaft notwendig
war“.15 Anders als im juristischen Denken, das mit den Kategorien des Er-
laubten, Verbotenen, und dem Instrument der Strafe arbeitet, geht es hier
um die Unterscheidung von „normal“ und „anomal“ und um „Besserungs-
instrumente“ (moyens de correction) zur „Transformation des Individuums“
und um „eine damit in Verbindung stehende ganze Technologie menschli-
chen Verhaltens.“16 Neben der Bevölkerung und der wissensmäßigen Ab-
bildung ihrer kollektiven Eigenschaften mittels Statistiken und Indikato-
ren entsteht zusätzlich der komplementäre Pol eines „personalisierten“
Wissens auf der Ebene des Einzelnen und seiner Fähigkeiten bzw. „Capa-
bilities“:17
13 Foucault, Sicherheit, 159.
14 Foucault, Sicherheit, 144.
15 Foucault, Schriften, 716.
16 Foucault, Dits, 374.
17 Charakteristisch ist das „transformierte“ Selbstverständnis des modernen Men-
schen, das nicht mehr über Bindungen und Zugehörigkeiten geht, sondern über
seine „Kompetenzen“ und „Capabilities“, siehe z. B. der Capability-Approach M.
Nussbaums. Vgl. Nussbaum, Creating capabilities.
Zwischen übersteigerter und fehlender Solidarität
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik