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Verständnis ist, die Menschen, die Bevölkerung, die Regierung, sowie auch
die Natur selbst. „Entfernen Sie Gott aus dem System, und wenn Sie den
Leuten sagen, dass man gehorchen muss und dass man einer Regierung ge-
horchen muss, in wessen Namen muss man dann gehorchen? Kein Gott
mehr, keine Gesetze mehr. Kein Gott mehr, keine Verpflichtungen mehr.
Und es gibt jemanden, der hat gesagt: ‚Wenn Gott nicht existiert, ist alles
erlaubt‘. Dieser Jemand ist nicht derjenige, den Sie meinen. Es ist Hoch-
würden Contzen im Politicorum libri decem, im Livre des politiques, der von
1620 datiert […]“.24
Eine rein naturalistische, d.h. säkulare Gesellschaftsordnung kann ge-
wiss vorläufig vom geliehenen normativen Kapital übernommener (oder
überkommener) Traditionen leben. Nach dem Böckenförde-Diktum der
Staatsrechtslehre ist es fraglich, ob der säkulare Staat aus sich die Voraus-
setzungen herstellen kann, die ihn legitimieren und seine ihn tragende
Freiheitlichkeit verbürgen können.
Bis zum 19. Jahrhundert war ja, in einer zunächst sakral, dann religiös
gedeuteten Welt die Religion immer die tiefste Bindungskraft für die
politische Ordnung und das staatliche Leben gewesen. Lässt sich Sitt-
lichkeit innerweltlich, säkular begründen und erhalten, kann der Staat
sich auf eine 'natürliche Moral' erbauen? Wenn nicht, kann er – unab-
hängig von dem allen – aus der Erfüllung der eudämonistischen Le-
benserwartung seiner Bürger leben? Diese Fragen führen zurück auf
eine tieferliegende, prinzipielle Frage: Wieweit können staatlich geein-
te Völker allein aus der Gewährleistung der Freiheit des einzelnen le-
ben ohne ein einigendes Band, das dieser Freiheit vorausliegt?.25
Die Antwort des gouvernementalisierten Staates besteht nun exakt in der
von Böckenförde angesprochenen Alternative, nämlich die „Erfüllung der
eudämonistischen Lebenserwartung seiner Bürger“ zur Staatsaufgabe und
zum höchsten gesellschaftlichen Ziel zu machen, und genau diesen Zwe-
cken dienen die neuen Regierungstechniken. Zu diesen gouvernementalen
Techniken gehören einerseits die auf das Individuum orientierte Pastoral-
macht und andererseits die bevölkerungsbezogenen Verwaltungs- und Re-
gierungstechniken der Policey26, die sich im 17. und 18. Jahrhundert, im
24 Foucault, Sicherheit, 355. Foucault nimmt Bezug auf den deutschen Jesuiten
Adam Contzen (1571–1635) und sein zur Zeit des Dreissigjährigen Krieges er-
schienenes Hauptwerk.
25 Böckenförde, Entstehung, 59.
26 Die alte Orthografie wird verwendet, um den Begriff vom heutigen Verständnis
des Begriffs Polizei erkennbar zu unterscheiden.
Zwischen übersteigerter und fehlender Solidarität
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik