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on der WHO) die passende Bezeichnung für dieses angestrebte Glück na-
turalistischer Provenienz als vollendeter Ausdruck eines „Lebens in natura-
listischer Fülle“. Übertragen auf die gesellschaftliche Ebene handelt es sich
um einen Kampf im Namen der „Glückseligkeit im Sinne eines naturalis-
tisch gedachten Wohlbefindens, Förderung des Glücks im Hinblick auf so-
ziale Wohlfahrt, Glück als die jeweils erreichbare größtmögliche Bedürf-
nisbefriedigung“29. Dieser sogenannte Sozial- bzw. Masseneudämonismus
„prägt die Wertorientierung des modernen Menschen. Mit Nachdruck ver-
langt die Förderung der Wohlfahrt aller nach normativer Geltung und
drängt auf Verwirklichung“30, gerade auch auf der strukturellen Ebene des
Staates und der Regierungstechniken. Die Aufgabe des naturalistischen
Wohlfahrtsstaates ist die „Idee der Minderung des Leidens und der Stär-
kung der Wohlfahrt, das Prinzip des größten Glücks der größten Zahl“
(vgl. die utilitaristischen Konzepte von Jeremy Bentham und John Stuart
Mill). Glückszuwachs muss quantifizierbar sein für eine gerechte, d.
h. be-
rechnete und geplante Vermittlung der Glücksgüter durch den Staat:
„Bentham konstruiert einen Staat, der als Verteiler von Glücksquanten
fungiert.“31 Die Entgrenzung der naturalistischen Optimierung realisiert
sich jedoch nur über die vollständige Vermessung und Kontrolle des Ein-
zelnen und der Bevölkerungen, über die vollständige Technisierung der so-
zialen Welt mittels einer umfassenden „Quantifizierung des Sozialen“32.
„Bien-être“: Die raison d‘être des gesellschaftlichen Zusammenhalts im
gouvernementalen Staat
Die Bestimmung des Menschen scheint in diesem biopolitischen Verständ-
nis in der irdischen Glückseligkeit eines Lebens ohne Leid und Krankheit
zu liegen, und alles Sozialgefüge und staatliche Unterfangen habe die Her-
stellung dieses Glücks als Wohlfahrt aller zur Aufgabe. Diese Auffassung
begründet zugleich einen den modernen Staat leitenden, historisch neuen
Begriff von Humanität:
Es scheint, dass heute die Ausrichtung auf das Glück im Sinne der
Wohlfahrt aller als Inbegriff und Kriterium der Humanität auftritt.
Das Prinzip des größten Glücks der größten Zahl wird zum letztgülti-
2.2
29 Delikostantis, Humanitarismus, 5.
30 Delikostantis, Humanitarismus, 6.
31 Schulz, Philosophie, 747.
32 Vgl. Mau, Das metrische Wir. Zwischen übersteigerter und fehlender Solidarität
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik