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„Lebenmachen“: Die biopolitische Sorge infolge pandemischer Bedrohungen,
z.
B. durch Vergemeinschaftung ökonomischer Risiken unter dem Banner
der Solidarität
Der säkulare Wohlfahrtsstaat als Institutionalisierung einer auch biopoli-
tisch grundierten Solidarität stand also seit seiner ersten Ausbildung im
19. Jahrhundert vor dem Problem, die moralische und gesetzliche Ver-
pflichtung des Einzelnen zu Solidaritätsleistungen (also Zwangssolidarität)
zu begründen, und dies ohne Rückgriff auf die im Verschwinden begriffe-
nen religiös verwurzelten Moralvorstellungen, wie z. B. jene der christlich
motivierten Nächstenliebe. Die Frage war also: Wie lassen sich ein Mutua-
litätsprinzip bzw. soziale Rechte ohne metaphysische Begriffe und Normen
begründen? Nach der Analyse Ewalds geschah dies unter Rückgriff auf
Modellvorstellungen aus dem Gebiet der Öffentlichen Hygiene. Louis Pas-
teurs Entdeckungen zur Infektionsepidemiologie der ansteckenden Krank-
heiten dienten als Modell für die Verflochtenheit des „sozialen Übels“, das
sich immer als Folge der gesellschaftlichen Umstände erweist und alle Mit-
glieder einer Gesellschaft zu gegenseitiger Solidarität und Vorsorge zwin-
ge. Durch die hygienisch begründeten Solidaritätsdoktrinen, so jene des po-
litisch einflussreichen französischen Sozialisten und Friedensnobelpreisträ-
gers Léon Bourgeois, war eine Überwindung der liberalen Rechtsauffas-
sung im Sinne der Ziele der Biopolitik möglich geworden. Als Modell fun-
gierte für Bourgeois die ansteckende Krankheit, speziell die verbreitete Tu-
berkulose als die „Solidaritätskrankheit par excellence“,46 und die zentrale
Gestalt war für ihn Pasteur:
[W]enn man […] das zum Ausdruck bringen wollte, was der gesunde,
kräftige und wohlgestaltete Mensch von morgen sein soll, dann muss
im Mittelpunkt dieses Tempels des Menschen eine Statue errichtet
werden, die Statue Pasteurs. Ihm verdanken wir, dass die Vorstell-
ungen von einer neuen Menschheit Gestalt annehmen […]. Er war es,
der die tiefgreifende, wechselseitige Abhängigkeit alles Lebenden, aller
Lebewesen, endgültig bewies […].47
3.1
46 Ewald, Vorsorgestaat, 467.
47 L. Bourgeois, zit. n. Ewald, Vorsorgestaat, 465.
Zwischen übersteigerter und fehlender Solidarität
225
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik