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ell konnotierten „allgemeinen Menschenliebe“ und ihrer Realisierung
über öffentliche Institutionen. Sowohl in dieser Orientierung auf die Stei-
gerung der allgemeinen Wohlfahrt als auch in der staatlichen (oder staats-
nahen) Institutionalisierungsform unterscheidet sich die moderne Solidari-
tät wesenhaft von einer Nächstenliebe und Caritas für Leidende und Be-
dürftige.52 In diesem Sinne kann Ewald sagen:
Im Vorsorgestaat erfüllt sich dieser Traum von einer ‚Bio-Macht‘. Er ist
ein Staat, der weniger darauf achtet, die Freiheit eines jeden vor An-
griffen zu bewahren [...], als sich der Art und Weise anzunehmen, in
der der einzelne sein Leben plant. [...] Über Institutionen wie die Sozi-
alversicherungen wird er das Leben der Bevölkerungen als solcher ver-
walten können, um sie besser vor sich selbst zu bewahren und ihr die
Entfaltung der in ihr schlummernden Potentialitäten zu ermögli-
chen.53
Der Entfaltung der Biopolitik eröffnet sich mit den sozialen Rechten des
Wohlfahrtsstaats ein neues, weites Feld der Institutionalisierung der Förde-
rung der Lebenschancen und Kompetenzen der Individuen zu ihrem eige-
nen Besten. Der Preis dafür ist jedoch der Verlust der konzeptuellen Tren-
nung von Recht und Moral.54 Diesen Traum (und den Preis für die Ver-
schmelzung von Recht und Moral) konkretisierte Léon Bourgeois 1914
u.
a. mit den folgenden Worten:
Unsere Aufgabe liegt in der Koordinierung aller Vorsorgemaßnahmen
gegen alle sozialen Übel, und bereits die Tatsache, dass diese Übel so-
ziale Auswirkungen haben, genügt, um der Gesellschaft die Verpflich-
tung aufzuerlegen, sie vorherzusehen, zu bekämpfen und auszumer-
zen. Zu diesem Zweck muss das Individuum von Geburt an in Obhut
genommen und bis zu seinem Tod Schritt für Schritt begleitet werden;
in allen Stadien seiner Existenz müssen alle Risiken, denen es sich aus-
setzen wird, vorhergesehen, und es muss im Vorhinein ihre umfassen-
52 Vgl. die Beschreibung der Humanität durch Paul Göhre: „Auch Humanität ward
erst mit und durch den modernen Menschen geboren. Humanität unterscheidet
sich wesenhaft von Nächstenliebe. Diese ist persönlich bedingt […], jene ist un-
persönlich (!), gilt der gesamten Gattung, ja allem Lebendigen, drängt auf Institu-
tionen, nicht mehr, wie jene, auf Ausübung von Fall zu Fall und in beschränktem
Kreise“; Göhre, Gott, 21.
53 Ewald, Vorsorgestaat, 488.
54 Zur Frage nach der durch Freiheitsrechte erzeugten Unfreiheit, auch in Bezug auf
die sozialen Teilhaberechte, gibt Christoph Menke (Menke, Kritik, 293f.) eine
Analyse im Anschluss an Foucault.
Zwischen übersteigerter und fehlender Solidarität
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik