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de Absicherung organisiert werden. Dies ist kein Werk der Wohltätig-
keit, sondern ein Werk der Vorsorge, kein individuelles, sondern ein
universelles Werk [...].55
Léon Bourgeois war mit diesen Ideen sozialer Verpflichtung und Solidari-
tät zu jener Zeit nicht allein. Einige Jahre zuvor veröffentlichte der öster-
reichische Soziologe Rudolf Goldscheid ein System der „Menschenökono-
mie“56, das die „unerhörte Menschenvergeudung“ beklagte, die eintrete,
wenn das „Menschenmaterial“ nicht nach einer rationalen, d. h. wirtschaft-
lich optimalen Verwaltung und Sorge behandelt werde.
Goldscheid entwirft eine gleichermaßen sozialistische wie biopoliti-
sche Gouvernementalität, welche nicht dem Markt-, sondern dem Mu-
tualitätsprinzip gehorcht und welche die ökonomische Rationalisie-
rung des Lebens auf präventive Pflege, nachhaltige Nutzung und
wechselseitige Absicherung der menschlichen Ressourcen aufbaut.
Fortschritt und Solidarität sind ihre Maximen, Akkumulation des or-
ganischen Kapitals ist ihr Bewegungsprinzip.57
Wenn Goldscheid die „Menschenvergeudung“ beklagt, so ist es ein Angriff
auf die liberale politische Rationalität, denn, wie Ewald zusammenfasst,
„[d]er Vorsorgestaat wirft dem liberalen Staat vor, ein schlechter Verwerter
von Leben zu sein“58. Der (wirtschafts-)liberale Staat mit seinem Konkur-
renzprinzip und Marktmechanismus realisiert jedoch die komplementäre
biopolitische Steigerungstechnik der Elimination durch Wettbewerb, und
auch diese folgt u.
a. naturwissenschaftlich-hygienischen Doktrinen.
„Sterbenlassen“: Biopolitischer Rassismus infolge von pandemischen
Bedrohungen, z.
B. durch Verzicht auf epidemiologisch indizierte
Infektionsprophylaxe
Wenn das oberste Ziel der biopolitischen Förderung und Sorge die Steige-
rung des Produktivitätsniveaus und des Gesundheitsniveaus des Sozialkör-
pers ist, was soll dann mit jenen geschehen, die nicht effizient förderbar
sind oder sich der Sorge entziehen und damit in letzter Konsequenz das
wirtschaftliche und gesundheitliche Niveau des Sozialkörpers, die allge-
3.2
55 L. Bourgeois, zit. n. Ewald, Vorsorgestaat, 531.
56 Vgl. Goldscheid, Entwicklungswerttheorie.
57 Bröckling, Hirten, 331.
58 Ewald, Vorsorgestaat, 488.
Willibald J. Stronegger
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik