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Last oder sogar biologische Gefahr für den Sozialkörper oder die Gattung
darstellt, und darunter fallen insbesondere (unproduktive) chronisch Kran-
ke und infektiöse Personen, so rechtfertigt die Logik der Betrachtungswei-
se ihre „Beseitigung“ im Sinne der Lebensförderung „aller“, gleichsam ihre
Opferung für das Leben im Großen, um „die Gattung selbst oder die Rasse
mit dieser Beseitigung direkt zu stärken“61. Das Dem-Tod-Ausliefern ist
eine auf den ersten Blick paradoxe Steigerungstechnik im biopolitischen
Staat, der sich doch der allgemeinen Wohlfahrt und einem Kult des Le-
bens verschreibt. Foucault verweist auf den epistemologischen Ursprung
dieses politischen Diskurses in der biologischen Theorie des 19. Jahrhun-
derts: „[J]edes Mal, wenn es Konflikt, Tötung, Kampf, Todesrisiko gegeben
hat, glaubte man sie buchstäblich in den Formen der Evolutionstheorie
denken zu müssen.“62 Die Zurückführung der Politik, also der Beziehun-
gen der Menschen untereinander im Großen, auf biologisch-hygienische
Kategorien mündet in einem „hygienischen“ Verständnis von Krieg und
von äußerer Bedrohung der eigenen Bevölkerung: Diese der biologisch-
natürlichen Todesgefahr auszusetzen, führe zu einer Regeneration bzw.
Reinigung des eigenen biologischen Bestandes.
Aber darüber hinaus wird der Krieg – und das ist absolut neu – Ende
des 19. Jahrhunderts als Möglichkeit erscheinen, nicht nur die eigene
Rasse durch Beseitigung der gegnerischen Rasse zu stärken (entspre-
chend der Themen der Selektion und des Kampfes ums Dasein), son-
dern auch die eigene Rasse zu regenerieren […]. Man geht bis zu dem
Punkt, an dem die gesamte Bevölkerung dem Tod ausgeliefert wird.63
Hier wird das Wettbewerbsprinzip des (Wirtschafts-)Liberalismus64 natura-
lisiert und der kollektiven biologischen (Todes-)Gefahr eine biopolitische
Funktion im Sinne der Lebenssteigerung durch den Mechanismus der „na-
türlichen Elimination“ der bio-psycho-sozial „Minderwertigen“ aus dem
Sozialkörper gegeben. Das vorsätzliche (oder auch grob fahrlässige) Auslie-
fern der eigenen Bevölkerung an biologische Gefahren (danger biologique)
61 Foucault, Société, 228.
62 Foucault, Société, 229.
63 Foucault, Société, 229f.
64 „Man kann sagen, dass die Devise des Liberalismus ist, ‚gefährlich zu leben‘. ‚Ge-
fährlich zu leben‘, das bedeutet, dass die Individuen fortwährend in eine Gefah-
rensituation gebracht werden oder dass sie vielmehr darauf konditioniert werden,
ihre Situation, ihr Leben, ihre Gegenwart, ihre Zukunft usw. als Träger von Ge-
fahren zu empfinden. Und dieser Anreiz der Gefahr ist, glaube ich, eine der wich-
tigsten Implikationen des Liberalismus“; Foucault, Geburt, 101.
Willibald J. Stronegger
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik