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schaft und die von Foucault beschriebene Gouvernementalisierung des
modernen Staates zu intensivieren, indem Maßnahmen gesetzt werden,
die über infektionsepidemiologisch indizierte Schutzmaßnahmen mit dem
Ziel der Eindämmung der epidemischen Krankheitsverbreitung klar hin-
ausgehen. Zu diesen potentiell biopolitisch motivierten Maßnahmen ge-
hört im Pol der „biopolitischen Sorge“ ein infektionsprophylaktisch nicht
indiziertes Ausmaß an Erfassung persönlicher Risikodaten (im Sinne der
Pastoralmacht) oder eine Vergemeinschaftung ökonomischer Risiken im
Namen einer Solidarität, die in keinem sachlichen Verhältnis zur epide-
miologischen Gefahrenabwehr steht. Im Pol des „biopolitischen Rassis-
mus“ befindet sich konträr dazu beispielsweise der weitgehende Verzicht
auf infektionsepidemiologisch indizierte und verfügbare Schutzmaßnah-
men der Seuchenprophylaxe (wie z. B. Quarantäne, social distancing etc.)
unter Inkaufnahme der weiteren Verbreitung der Krankheit und der da-
raus folgenden gesundheitlichen Gefährdung zusätzlicher Bevölkerungstei-
le.
Die politische Alternativlosigkeit dieser Transformation von historisch-
er Dimension bleibt aber fragwürdig, denn die Verabsolutierung des so-
zialeudämonistischen Denkens, das im Zeichen einer naturalistischen
Selbstauslegung des Menschen steht, d.
h. die Ethisierung des natürlichen
Wohlergehens, gefährdet im Gegenzug die unbedingte Anerkennung der
Menschenwürde. So legt Delikostantis in einer Untersuchung des moder-
nen Humanitarismus eine elementare Wahrheit dar: „Vom naturalistisch
bestimmten Glück des Menschen als oberstem ethischen Maßstab aus ge-
dacht, kann die Würde des Menschen nicht angemessen expliziert wer-
den“74, da seine Rechtssubjektivität als nun tatsächlich alternativlose Basis
seiner Würde75 Gefahr läuft, lebensweltlich ohne Anerkennung zu blei-
ben. Oder mit den Worten Foucaults: „Desormais, la sécurité est au-dessus
des lois.“ Die optimierte Lebenssicherung und Lebenssteigerung ist mit
dem Konzept individueller Freiheit in letzter Konsequenz realweltlich in-
kommensurabel. An dieser für den zeitgenössischen Menschen wohl
schwer nachvollziehbaren Feststellung zeichnet sich bereits die Ambiva-
lenz bzw. Dialektik der biopolitischen Transformation ab, in der sich die
Industriegesellschaften seit ihrer Genese befinden: „Eine Entwicklung in
74 Delikostantis, Humanitarismus, 7.
75 Vgl. die Studie zur Grundlegung der Menschenwürde von Walter Schweidler
(Schweidler, Menschenwürde). Zwischen übersteigerter und fehlender Solidarität
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik