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Rechte und Werte politisch durchzusetzen.4 Auch die Schoah führte dazu,
dass sich die Einstellungen der katholischen und evangelischen Kirche zu
den Juden veränderten.
Weil derzeit überhaupt nicht in Sicht ist, wie die Covid-19-Krise mehr-
heitlich gedeutet werden wird, wage ich keinerlei Prognosen. Die Wahr-
nehmung der Krise hängt von unüberschaubar verschiedenen Parametern
ab. So wirken sich z. B. die personellen, finanziellen, institutionellen und
mentalen Ressourcen einer Gesellschaft ebenso aus wie die Bereitschaft
und der Wille, diese Ressourcen entweder für Bewahrung, Lernprozesse
oder paradigmatische Innovation einzusetzen. Die Fähigkeit zu kognitiver
und emotionaler Empathie mit den von der Krise am meisten Betroffenen
spielt eine ebenso wichtige Rolle wie der Horizont, in dem die Krise ge-
dacht wird: lokal, national oder global. Historische Erfahrungen im Um-
gang mit Krisen prägen die Krisenwahrnehmung wie auch die in einer Ge-
sellschaft dominanten Werthaltungen.
Reiche Gesellschaften verfügen so zwar in der Regel über mehr institu-
tionalisiertes Innovationspotential und entsprechende Mittel zu deren
Durchsetzung als arme Gesellschaften, werden aber tendenziell eher auf
die Sicherung ihres Wohlstandes achten. Gesellschaften mit einer Ge-
schichte, in der autoritäre Politiken der „Normalfall“ waren, werden eher
auf autoritäre politische Lösungen setzen als jene Gesellschaften, in denen
Autonomie und Teilhabe der Bevölkerung eine selbstverständliche Traditi-
on bilden. In emotional warmen Gesellschaften wird die Meso-Solidarität
nachhaltiger zu etablieren sein als in kalten Gesellschaften. Überdies sind
sozialwissenschaftlich oder historisch begründbare Wahrscheinlichkeiten
im Umgang mit Krisen keine naturgesetzlichen Dynamiken. Immer be-
steht auch die Möglichkeit, sich nicht der Kraft von Gewohnheiten und
Prägungen zu ergeben, sondern Probleme auf der Basis ethisch reflektier-
ter Entscheidungen zu treffen. Einzelnen Personen – insbesondere gesell-
schaftlichen Entscheidungsträgern – kommt hier eine immense Verant-
wortung zu.
So lässt sich im reichen Österreich bis dato z. B. so gut wie kein interna-
tional kooperativer Horizont erkennen. Dies ist freilich angesichts des Um-
gangs mit der Flüchtlingskrise seit 2015 nicht weiter verwunderlich, als be-
reits diese nur von einer Minderheit in einem globalen Verantwortungs-
rahmen wahrgenommen wurde. Transzendenzvermögen und -spannweite
4 Der Vergleich der Covid-19-Krise mit der Zeit nach 1945 durch Politiker wie Se-
bastian Kurz könnte so etwas nahelegen. Gleichwohl zeigen die Lösungen, die Pro-
tagonisten wie er ins Spiel bringen, keine neuen Paradigmen.
Transzendenzmangel in den Werthaltungen der Österreicherinnen und Österreicher
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik