Seite - 240 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
Bild der Seite - 240 -
Text der Seite - 240 -
in der Wahrnehmung und im Umgang mit Krisen sind in Österreich sehr
eng. Daran ändert aus theologischer Sicht auch der Befund wenig, dass in
Österreich zwei Drittel der Menschen angeben, an einen Gott zu glauben.5
Der Gott, an den in Österreich von einer Mehrheit geglaubt wird, weitet
nur bei einer Minderheit die Fähigkeit und den Inhalt der Transzendenz.
Werte als Grundlagen für Krisenwahrnehmung
Aus der Fülle der Faktoren, die sich auf die Wahrnehmung und den Um-
gang mit der Covid-19-Krise auswirken, werde ich im Folgenden anhand
von drei Wertefeldern zeigen, wie sich darin ein Mangel an Transzendenz-
vermögen und -spannweite widerspiegelt, der den aktuellen Umgang mit
der Krise in Österreich maßgeblich prägt. Denn Werte können mit Hans
Joas6 als mental-psychisch verinnerlichte Erfahrungen der Selbsttranszen-
denz und Selbstbindung verstanden werden, d. h. als Ausdruck von Le-
benswirklichkeiten, die Menschen widerfahren und so ergreifen, dass sie
sich diese als „etwas Gutes“ zu eigen machen. Werte sind demnach das
Selbst transzendierende Vorstellungen und Ideen vom Guten und Wün-
schenswerten. Sie bilden die mehr oder weniger bewusste Grundlage für
ethische Entscheidungen. Sie bedürfen der ethischen Reflexion. Basis für
die folgende Darstellung bilden v. a. die Ergebnisse der Österreichischen
Wertestudie zwischen 1990 und 2018 (ÖWS).7
Freiheit versus Sicherheit
Seit Jahrzehnten geben die Österreicherinnen und Österreicher Werten,
die auf Sicherheit zielen, Vorrang vor der Freiheit. Zwar erwartet man sich
vom Staat die Wahrung individueller Freiheitsrechte, insbesondere der
Meinungsfreiheit oder des Rechts auf Eigentum, aber die Sicherheit ist
wichtiger. Dabei steht vor allem der Schutz der eigenen Sicherheit im Zen-
trum. So wurden denn auch die Regierungsmaßnahmen nahezu kritiklos
akzeptiert. In Ländern, in denen der Wert der Freiheit traditionell stärker
ausgeprägt ist – Deutschland, Großbritannien, Schweden –, wurden Regie-
rungsmaßnahmen von Beginn an deutlich stärker diskutiert.
2.
2.1
5 Vgl. Polak/Seewann, Religion als Distinktion, 109–110.
6 Vgl. Joas/Wiegandt, Die kulturellen Werte Europas, 14–15.
7 Siehe Aichholzer et al., Quo vadis, Österreich.
Regina Polak
240
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
zurück zum
Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik